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Die Ngong Road in Kenias Hauptstadt Nairobi. Zäh schiebt sich eine Autolawine über aufgeplatzten Teer und Schlaglöcher, und dann steht sie wieder. Nicht nur diese zentrale Verkehrsader, das gesamte Straßennetz in der ostafrikanischen Stadt wirkt ständig wie kurz vor dem Atemstillstand. Man könnte es leicht als Symbol für einen Staat nehmen, der einfach nicht vorankommt.

iHub Nairobi

Doch auch dies ist Ngong Road: Im vierten Stock eines formlosen Neubaus an eben dieser Straße rast Datenverkehr in bis vor kurzem hier ungekannten Geschwindigkeiten. Auf rund 400 Quadratmetern trifft sich an dem "iHub Nairobi" genannten Ort alles, was Rang und Namen hat in der Informatikszene Kenias und des Kontinents. Gerade war der südafrikanische Sozialentrepreneur Gustav Praekelt hier, um seine Handy-Plattform für junge Leute vorzustellen. "Young Africa Live" ist eine Mischung aus Unterhaltung und ernsthafter Gesundheitsaufklärung, nun wird das erfolgreiche Modell von Südafrika nach Ostafrika ausgeweitet.Wie keine andere Region steht Afrika für die "digital divide" , für die Kluft zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern, wenn es um Zugang zu Informationen und Wissen geht. Ausgerechnet hier entwickelt sich das Handy zur Allzweckwaffe, um diese Lücke wenn nicht zu schließen, so doch zu verkleinern. Das beispiellose Wachstum der Mobiltelefonie in Afrika ist bekannt. Doch eine zweite, vielleicht noch einflussreichere Entwicklung hat längst begonnen. Die transozeanischen Glasfaserkabel haben in Afrika angedockt. Bis 2009 verband nur ein einziges dieser Kabel, die größere Datenmengen transportieren können, Subsahara-Afrika mit dem Rest der Welt. Mittlerweile sind es sieben, bis 2012 sollen es ein Dutzend sein - wodurch auch die Internetkosten sinken. Schon sagen die Berater von McKinsey "mobiles Breitband für die Massen" innerhalb von zehn Jahren voraus. Ein gewaltiger Schritt, hat doch bisher nur einer von zehn Menschen in Afrika Zugang zum Internet.

Die meisten der Computer- und Handyspezialisten in Nairobis iHub besitzen Handys mit teilweisem Internetzugang. Diese sogenannten Featurephones sind der größte Wachstumsmarkt. Smartphones dagegen, die teuren Alleskönner unter den Mobiltelefonen, machen nur zwei Prozent aller Handys in Afrika aus.

Mobiler Geldbote: M-Pesa

"Ein iPhone ist wirklich ziemlich nutzlos für jemanden, der kaum lesen kann und von zwei Dollar am Tag lebt" , kommentiert der Software-Entwickler Ken Banks diesen Sachverhalt lapidar. Banks' Softwareprogramm FrontlineSMS war eins der ersten, die besonders benachteiligten Menschen die Teilhabe an Informationen ermöglichten. Im von Dürre heimgesuchten Norden Kenias zum Beispiel werden derzeit wöchentlich Informationen zu Nahrungsmittelpreisen per SMS an Hunderte von Bauern geschickt.

In Simbabwe nutzen NGOs FrontlineSMS, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Dafür brauchen sie nur einen Laptop und ein Mobilnetz - Internetzugang ist nicht nötig -, und schon können sie mithilfe von Banks' Software hunderte SMS gleichzeitig verschicken und zentral empfangen.

Die einflussreichste Erfindung für Handys ist aber M-Pesa, ein Geldtransfersystem, das der kenianische Mobilfunkanbieter Safaricom 2007 einführte. Wenn ein Hauptstädter aus Nairobi Geld an die leidende Verwandtschaft im Norden schicken will, dann geht er zu einem Safaricom-Händler. Die sind flächendeckender vertreten als jede Bank. Er gibt dem Agenten das Bargeld, und der schreibt es ihm als Guthaben auf das Handy. Das Guthaben ist übertragbar, sodass die Verwandten das Geld am anderen Ende bar abholen können. In Ländern, wo die Mehrheit kein Bankkonto besitzt, ist das eine Revolution.

Chance für gesellschaftlichen Fortschritt

Die Chancen für gesellschaftlichen Fortschritt durch Handys und mobiles Breitband sind enorm. "Aber es ist wichtig zu verstehen, dass diese ganze Entwicklung auch viele Probleme mit sich bringen wird." Das sagt der Zukunftsforscher Jasper Grosskurth, der über Technologien in Afrika ein Buch geschrieben hat. Grosskurth sieht zum Beispiel die Gefahr einer Schuldenspirale, denn während Europäer nur ein Prozent ihres Einkommens für mobile Kommunikation ausgeben, seien es in Afrika mehr als 17 Prozent. "Und" , so Grosskurth, "der Überwachungsstaat wird halt auch ein Stück einfacher, sobald man überall eine Datenspur hinterlässt." (Judith Reker aus Nairobi)