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Der unter Chinesen am meisten verbreitete Sport: Surfen – im Internet.

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Doch gleichzeitig wird es immer schwieriger, den tagtäglichen digitalen Massenchor zu bändigen.

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Studenten an der Shanghai-Maritime-Universität verloren den Spaß an ihren Sommerferien. Schuld war ein Mikroblog ihres Dozenten Henry Lang, der Finanzen lehrt. Er verlangte, dass sie sich alle für seine Vorlesungen zu Semesterbeginn ein iPad zulegen, auf dessen Format er Übungen und Prüfungen abstellen wird.

Sie könnten ja in den Ferien jobben, um sich das Tablet zu kaufen. "Wer es in zwei Monaten nicht schafft, die 4000 Yuan (rund 440 Euro, Anm.) dafür zu verdienen, braucht gar nicht erst Finanzen zu studieren" , teilte er lapidar mit.

Lang seien sozial Schwache völlig gleichgültig, warfen ihm seine Studenten vor. Auch die Hochschule distanzierte sich von Langs Äußerungen, meldete Shanghai Daily. Der Dozent schwächte darauf seine Forderung als "Empfehlung" ab. iPads aber bleiben ein Muss für sein Fach, auch um die Finanzpresse online zu lesen.

Chinas Umarmung des Internets treibt sonderbare Blüten. Das Land brüstet sich heute mit Rekorden nicht nur in seiner realen Wirtschaft, sondern auch in der virtuellen Welt. Zugleich fürchten Pekings Führer den Einfluss des Internets. Für ihre allgegegenwärtige Zensur und Willkür-Verurteilungen von Online-Dissidenten verlieh ihnen im Mai die Bürgerrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen den Negativtitel "Feinde des Internets" .

Sprießende Mikroblogs

Dennoch verbreiten sich neue Medien rasend schnell. Mehr als eine halbe Milliarde Chinesen werden 2011 das Internet nutzen, sagt Abteilungsleiter Liu Bing von der Staatlichen Internetagentur CNNIC. Bis Ende Juni waren 485 Millionen Chinesen online und damit 36,2 Prozent der Bevölkerung. Der noch niedrige Anteil erklärt sich dadurch, dass in den bäuerlichen Regionen erst 131 Mio. Menschen vernetzt sind.

Der Mobilfunk beginnt Desktops und Laptops zu verdrängen. 318 Millionen Chinesen gehen heute mit Handys, Smartphones und iPads direkt ins Netz. Die Experten von McKinsey & Company prognostizieren, dass 2015 die Internetgemeinde auf 750 Millionen Chinesen anwächst. Zwei Drittel würden dann über Mobilgeräte aller Art online gehen.

Noch schneller revolutioniert sich das digitale Leben durch "Weibo" , wie Mikroblogs auf Chinesisch heißen. Im Juni 2011 zählte CNNIC 195 Millionen Mikroblog-Anmeldungen, mehr als dreimal so viel wie Ende 2010. Rund ein Dutzend staatlich kontrollierter IT-Provider, vor allem Marktführer Sina mit mehr als 100 Mio. Konten, Tencent (QQ) und Sohu, dürfen die erst 2010 entwickelten Weibo-Dienste anbieten. Sie waren als Chinas Antwort auf das verbotene ausländische Twitter gedacht, obwohl sie wie Twitter funktionieren. Sie sind zur Achillesferse der Pekinger Kontrolle über das Internet geworden. Milliardenweise versendete Mikroblogs machen das virtuelle Gezwitscher individueller Stimmen zum tagtäglichen Massenchor, der China mit seinem Live-Nachrichtenstrom überschwemmt.

Staatliche Aufpasser können Mikroblogs nur einzeln löschen. Um unliebsame Nachrichten effektiv zu stoppen, müssten sie den Provider ganz vom Netz nehmen. Buchstäblich über Nacht hat sich so über das Medium Weibo eine unorganisierte Gegenöffentlichkeit formiert. Chinas Behörden können heute keine Demonstration, keinen Unfall, kein Justizunrecht mehr verheimlichen.

Über Weibo wurden im ersten Halbjahr 2011 dutzende Skandale und Korruptionsfälle bekannt, vom Babyhandel über die Hintergründe des High-Speed-Bahnunglücks von Wenzhou und Enthüllungen über das Rote China bis zur Misswirtschaft im Kaiserpalast. Über Weibo erfuhren Chinesen zuerst, dass der Künstler Ai Weiwei von der Polizei verschleppt wurde. Selbst die "Jasmin" -Revolution, auf die Chinas Polizei mit übertriebener Verfolgung reagierte, entpuppt sich im Nachhinein als virtuelles Weibo-Happening.

"Das schönste Geschenk"

Pekings Regierung weiß, dass sich China ohne Internet nicht entwickeln kann. Sie versucht in einem Drahtseilakt, es zu fördern und zugleich zu entschärfen und zu kanalisieren. Sie hat jüngst dafür eine von Informationsminister Whang Zhen geleitete Aufsichts-, Verbots- und Lenkungsbehörde gegründet. Seine Stellvertreter sind die Vizeminister für Industrie und Information (MIIT) und für öffentliche Sicherheit.

Die Aufgaben des State Internet Information Office bestehen darin, das Internet inhaltlich zu kontrollieren, über die Genehmigung von Online-Anwendungen zu entscheiden und das Netz proaktiv für Propagandazwecke zu nutzen. Aber auch das wird nichts daran ändern, dass der Geist aus der Flasche ist. Der kritische Ökonom Cao Siyuan schreibt in seinem Mikroblog: " Internet ist das schönste Geschenk, dass der liebe Gott dem chinesischen Volk machen konnte." (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2011)