STANDARD-Schwerpunkt Digital leben

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Dicklich, fehlsichtig, clearasilverweigernd und computeraffin. Wenn drei der vier Adjektive zutreffen, hat man gute Chancen, ein Nerd zu sein. Zumindest in der landläufigen Vorstellung.

"Trottel, Depp, (Computer-)Freak" bietet das Langenscheidt-Wörterbuch als Übersetzung des Wortes an. Was ganz offensichtlich ein Widerspruch ist, denn wer sich in den Tiefen der Computerprogramme auskennt, kann nicht wirklich das intellektuelle Niveau einer Nacktschnecke haben.

Unklar

Woher der Begriff überhaupt stammt, ist unklar. Sicher ist, dass er bestimmte Assoziationen weckt. Eher männlichen Geschlechts ist er und höchstens in seinen Dreißigern, der Nerd. Wenn schon Freunde, dann Gleichgesinnte im Internet. Frauen sind maximal Inhalt seltsamer Witze. Außer über die Mutter, bei der wohnt man schließlich.

Nun ist es keine Frage, dass es diesen Typus tatsächlich gibt. Bill Gates, Gründer von Microsoft, ist wohl einer der bekannteren Vertreter. Auch wenn er möglicherweise aus Imagegründen damit kokettiert hat. Auch Linus Torvald, "Erfinder" des Computerbetriebssystems Linux, beschreibt sich selbst als Nerd. Hässliches Kind, kein Kleidungsgeschmack, keine soziale Kompetenz. Aber hervorragend in Physik und Mathematik.

"Nerd-Glasses"

Genau diese Begabungen haben mittlerweile das Bild des Nerds in der Gesellschaft etwas gewandelt. Bis in die 90er-Jahre waren Computer für die Mehrzahl der Menschen maximal etwas, das im Büro stand, das Internet ein obskures Ding, mit dem sich - nun ja - eben nur Nerds beschäftigten. Ob der Begriff von ihnen selbst mittlerweile als Auszeichnung benutzt wird, ist unklar: Wer im sozialen Netzwerk Facebook nachschaut, findet zwar fast 19.000 Fans von "Nerd-Glasses", "Nerd"-Gruppen selbst haben aber nur wenige Mitglieder.

Mit der Verbreitung des Digitalen bekamen sie jedenfalls plötzlich einen anderen Status: Belächelt wurden sie immer noch, aber andererseits waren sie jene, die bei der PC-Panne im Handumdrehen helfen konnten. Und in der rasch wachsenden Masse der Computerspieler fielen sie auch nicht mehr wirklich auf.

Anders war und ist es, wenn sie zu Hackern, Virenautoren oder Kriminellen mutieren. Werden sie bekannt, taucht dann nämlich in schöner Regelmäßigkeit der unauffällige Einzelgänger auf, der mehr Zeit vor dem Monitor als im Angesicht lebender Menschen verbringt. (Michael Möseneder, DER STANDARd Printausgabe, 13. August 2011)