Tripolis/Tunis - Erstmals seit Beginn einer der größten Vorstöße der libyschen Aufständischen hat sich Machthaber Muammar al-Gaddafi zu Wort gemeldet und zu einem verstärkten Kampf gegen die NATO aufgerufen und zur "Befreiung" der von den Rebellen eroberten Städte. "Voran, greift zu den Waffen, zieht in den Kampf zur Befreiung Libyens aus den Händen der Verräter und der NATO, Zentimeter um Zentimeter", hieß es in einer Rede, die das staatliche Fernsehen am frühen Montagmorgen als Live-Übertragung ankündigte, aber ohne Bilder sendete. "Macht Euch bereit zum Kampf! Das Blut der Märtyrer ist der Treibstoff für das Schlachtfeld", hieß es in der Rede, die offenbar am Telefon gehalten wurde. Die Qualität der Übertragung war schlecht, gelegentlich war der Ton unterbrochen.

Die Aufständischen haben in einer ihrer größten Offensiven seit Beginn der Kämpfe vor einem halben Jahr eigenen Angaben zufolge zuletzt wichtige Küstenstädte erobert und damit ihren Druck auf die unweit gelegene Hauptstadt Tripolis erhöht. Die westliche Militärallianz unterstützt die Rebellen mit Luftangriffen.

Das Ende der "Ratten" und der "Kolonisatoren" sei nahe, sagte Gaddafi über die Rebellen und die NATO, die auf Grundlage einer Resolution des UNO-Sicherheitsrats seit März Luftangriffe gegen Gaddafis Truppen fliegt. Nach dem Scheitern ihres Kampfes mit Waffen seien sie nur noch zu "Lügengeschichten" und "psychologischer Kriegsführung" in der Lage.

Der größte Teil der Botschaft, bei der es sich nach Angaben des Senders um eine Live-Übertragung handelte und die in Auszügen auch von der staatlichen libyschen Nachrichtenagentur Jana verbreitet wurde, war nicht zu verstehen. Das Staatsfernsehen sprach von einer "technischen Panne". Verschiedene Medien und Online-Netzwerke hatten zuvor berichtet, dass sich Gaddafi schon bald ins ausländische Exil zurückziehen könnte.

Verhandlungen mit Rebellen

Die libyschen Kriegsparteien haben am Sonntagabend in Tunesien Verhandlungen aufgenommen, wie eine Person mit direkter Kenntnis der Gespräche der Nachrichtenagentur Reuters sagte. Das Treffen finde in einem Hotel auf der südtunesischen Insel Djerba statt, sagte die Person weiter. "Vertreter der Rebellen und Gaddafis sitzen im Moment zusammen." Von keiner der beiden Seiten gab es eine Bestätigung für die Angaben. Die Aufständischen haben eigenen Aussagen zufolge zuletzt mehrere wichtige Städte in der Umgebung der Hauptstadt Tripolis erobert.

Nach heftigen Kämpfen um die westlibysche Stadt Zawiyah hatten die Rebellen am Samstag einen Teil der 40 Kilometer südwestlich von Tripolis gelegenen Stadt unter ihre Kontrolle gebracht. Außerdem eroberten sie nach eigenen Angaben ein weiteres Stadtviertel der strategisch wichtigen Hafenstadt Brega.

Gaddafis Sprecher Moussa Ibrahim zeigte sich zuversichtlich, dass die Regierungstruppen die von den Rebellen eroberten Städte und Stadtviertel wieder unter ihre Kontrolle bringen können. Die Soldaten seien in der Lage, "diese Banden auszurotten", sagte er laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Jana am Sonntagabend in Tripolis. Demnach wehrten die Regierungstruppen am Sonntag eine neue Offensive der Rebellen in Zawiyah ab. Zugleich räumte er aber einen Vorstoß der Rebellen in der Stadt Gharjan (Garjan) ein. Einigen "Banden" sei es gelungen, in manche Gebiete der Stadt vorzudringen, sagte Ibrahim. Es gebe aber keinen Grund zur "Besorgnis". Schon in den kommenden Stunden würden die Truppen die Kontrolle zurückerlangen. Der Sprecher räumte auch "Probleme" in Surman rund 70 Kilometer westlich von Tripolis ein. Es gebe dort "Auseinandersetzungen" um die Kontrolle über die Stadt.

Die NATO hat bei einem Luftangriff offenbar unbeabsichtigt vier gegen das Gaddafi-Regime kämpfende Aufständische getötet. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe der umkämpften westlichen Stadt Zawiyah, als die NATO einen von den Rebellen eroberten Panzer der Truppen Gaddafis beschoss, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Zeugen berichtete. Die Aufständischen hatten das Fahrzeug nach eigenen Angaben am Samstag bei einer Offensive auf Zawiyah unter ihre Kontrolle gebracht. Demnach waren die Rebellen mit dem Panzer außerhalb der Stadt unterwegs, als er Ziel des Luftangriffs wurde. (APA)