London/Wien - Im britischen Abhörskandal sind am Dienstag neue Vorwürfe erhoben worden. Der Chefredakteur der Zeitung "News of the World", Andy Coulson, habe ihm die Rückkehr in seinen Posten angeboten, wenn er die Schuld für das Abhören von Prominenten auf sich nehme, heißt es in einem Brief des ehemaligen Journalisten Clive Goodman, der am Dienstag bekanntwurde. Dem Reporter soll nach eigenen Angaben ein Schweigegeld in der Höhe von rund 250.000 Pfund (284.576 Euro) erhalten haben. Coulson wurde später Berater von Premier David Cameron.

Laut Bericht der Zeitung "Guardian" handelt es sich beim Schweigegeld um fast das Dreifache des Jahresgehaltes des Journalisten. Der Konzern News International der Familie Murdoch, dem die mittlerweile eingestellte Zeitung "News of the World" gehörte, hatte zuvor in einer Stellungnahme gegenüber dem britischen Parlament davon gesprochen, Goodman habe nicht mehr als 60.000 Pfund (68.298 Euro) an Abfertigung erhalten. Der Brief von Goodman ist laut Berichten bereits vier Jahre alt - wesentliche Informationen darin sollen jedoch vom Murdoch-Konzern zurückgehalten worden sein.

Das Schreiben des ehemaligen Reporters erhärtet bisherige Vorwürfe, dass die Abhörung von Dutzenden Politikern, Prominenten und Angehörigen der britischen Königsfamilie durch Journalisten des Murdoch-Konzerns von mehreren Journalisten der Zeitung betrieben wurde und von oberster Stelle sanktioniert worden war. Goodman saß für das Abhören von Mitgliedern der Königsfamilie im Jahr 2007 vier Monaten in Haft - im Vorfeld seiner Verurteilung hieß es vonseiten seiner Zeitung, der Journalist habe auf eigene Faust gehandelt.

In den britischen Medien wurde nach dem Bekanntwerden des Schreibens am Dienstag darüber spekuliert, ob nun neuerlich Konzernchef Ruport Murdoch oder sein Sohn James Murdoch vor das britische Parlament bestellt werden könnten. Eine neuerliche Anhörung von James Murdoch sei nun "wahrscheinlich", sagte der Vorsitzende des Abhör-Untersuchungsausschusses, John Whittingdale.

Die neuerlichen Vorwürfe bringen den britischen Premierminister in Schwierigkeiten. Cameron war in den vergangenen Wochen immer wieder für sein enges Naheverhältnis zu Coulson und dem Murdoch-Konzern News International kritisiert worden. Der Premier hatte abgestritten, von den illegalen Abhörungen gewusst zu haben. (APA)