Beste Novelle: Ted Chiangs "The Lifecycle of Software Objects", 150 Seiten, Subterranean Press 2010

Coverfoto: Subterranean Press

Reno - Ganz ähnlich wie sein nackter Kollege Oscar ist auch der Hugo nicht dotiert, aber in seiner Branche extrem prestigeträchtig: Ausgezeichnet werden Erzählungen primär aus dem Bereich Science Fiction, es können aber auch Werke aus der Fantasy und artverwandten Genres sein. Gekürt werden die PreisträgerInnen durch eine Abstimmung der TeilnehmerInnen der World Science Fiction Convention, die heuer in Reno, Nevada, stattfand und unter dem Titel "Renovation" firmierte. Mit 2.100 abgegebenen Stimmkarten aus 33 Ländern konnten die VeranstalterInnen heuer die höchste Beteiligung seit 1980 verbuchen.

Romane

Und wie schon im Vorjahr mit Paolo Bacigalupis "The Windup Girl" (deutsch: "Biokrieg") gab es gewissermaßen zwei Preise zum Wert von einem und der Hugo klonte in den Hauptkategorien den im Mai vergebenen Nebula Award (hier die Nachlese): Als bester Roman wurde erneut das Zeitreise-Doppelpaket "Blackout / All Clear" von US-Veteranin Connie Willis ausgezeichnet, als bester SF-Film schlug Christopher Nolans "Inception" unter anderem "Harry Potter" und "Toy Story 3" aus dem Feld. Willis, die Ende der 70er Jahre ihre ersten Kurzgeschichten veröffentlichte, hat damit bereits elf Hugos auf ihrem Regal stehen.

Dabei konnte sich auch die Konkurrenz in Sachen Romane sehen lassen: Ian McDonalds "The Dervish House" etwa ist Teil des vom britischen Autor vorangetriebenen Trends, SF-Szenarien vermehrt aus der tausendfach abgehandelten anglo-amerikanischen Sphäre in andere Weltregionen auszulagern: Ein Terroranschlag im Istanbul des Jahres 2027 wird hier zum Ausgangspunkt, um ein komplexes Puzzle einer in jeder Beziehung gewachsenen Türkei zu entwerfen, die Mitglied der EU geworden ist und zugleich unter ihrer eigenen inneren Vielfalt ächzt.

Die übrigen Kandidaten auf den Romanpreis waren das großangelegte Fantasy-Epos "The Hundred Thousand Kingdoms" von N.K. Jemisin sowie das von Seanan McGuire unter dem Pseudonym "Mira Grant" geschriebene "Feed", in dem Social Media zu einem zentralen Machtfaktor in einer Welt werden, die - einmal mehr - von Zombies überrannt wurde. Und schließlich "Cryoburn", Lois McMaster Bujolds jüngster Beitrag zu ihrem großteils auch auf Deutsch erschienenen "Barrayar"-Zyklus um den aristokratischen Meisterspion Miles Vorkosigan, der im Intrigenspiel zwischen galaktischen Machtblöcken auf Einsatz geht - hier soll er den Umtrieben eines Kryogenik-Unternehmens auf die Schliche kommen.

Weitere Kategorien

Eine vollständige Liste der GewinnerInnen finden Sie hier - zu den Glücklichen zählte auf der von den Autoren Jay Lake ("Clockwork Earth") und Ken Scholes ("Psalms of Isaak") moderierten Veranstaltung unter anderem Mary Robinette Kowal für "For Want of a Nail" in der Kategorie Kurzgeschichte - darin schildert die US-Autorin, wie sich eine Künstliche Intelligenz mit den Folgen eines Hacks zurechtfinden muss. Als beste Novelette - das nächstlängere Format - ging "The Emperor of Mars" vom neuen Space-Opera-Spezialisten Allen M. Steele hervor, der sich hier der Meta-Fiktion widmet, indem er einen Vertragsarbeiter auf dem Mars alte SF-Geschichten finden lässt, die sich um den Roten Planeten drehen.

Der Preis für die beste Novelle ging an einen der erfolgreichsten Autoren von Kurzformaten in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Ted Chiang. Sein "The Lifecycle of Software Objects" ist eine zur Novelle umgemünzte Ausformulierung seiner These, dass Künstliche Intelligenzen nicht einfach eingeschaltet werden können und sofort funktionieren, sondern einer jahre- oder jahrzehntelangen Erziehung in einem sozialen Umfeld bedürfen, um eine mit Menschen vergleichbare Intelligenz zu erlangen.

Über die Literatur hinaus

Keine Hugo- oder Nebula-Verleihung ohne "Doctor Who": Heuer konnte die britische Endlosserie gleich zweimal punkten, einmal mit der Doppel-Episode "The Pandorica Opens/The Big Bang" in der Kategorie Kurzfilm (insgesamt stammten drei der fünf Kandidaten aus "Doctor Who"), zum anderen mit der Essay-Sammlung "Chicks Dig Time Lords: A Celebration of Doctor Who by the Women Who Love It" in der Kategorie Sachbuch. Eine Celebration der anderen Art war zwar in der Kurzfilm-Kategorie nominiert, ging letztlich aber leer aus: Sängerin und Komikerin Rachel Bloom hatte ihre Geburtstagsgrüße an einen der Titanen des Genres unter dem Titel "Fuck me, Ray Bradbury" veröffentlicht und damit einen YouTube-Hit gelandet.

"Agatha Heterodyne and the Guardian Muse" aus der Steampunk-Reihe "Girl Genius" von Phil und Kaja Foglio wurde als bestes Comic ausgezeichnet, der John W. Campbell Award für den besten Nachwuchs-Autor schließlich ging an Lev Grossman, obwohl der 42-jährige Jungspund seit den späten Neunzigern Romane veröffentlichte und zuletzt mit "The Magicians" und dessen heuer erschienener Fortsetzung "The Magician King" in die Fantasy gewechselt war. - Im nächsten Jahr werden die Hugos eine Woche später verliehen, dann findet die World Science Fiction Convention von 30. August bis 3. September in Chicago statt. (Josefson)