Reinhart Kögerler im Haus der Forschung: Der Präsident der Doppler-Gesellschaft fordert mehr Geld für Unternehmensgründer vom Staat, weil hier die privaten Venture-Capital-Geber fast völlig fehlen.

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Die Industrie könnte mit weniger auskommen. Peter Illetschko fragte.

STANDARD: In Österreich wird immer wieder über den mangelhaften Wissenstransfer von der Forschung in die Wirtschaft geklagt. Als Präsident der Christian-Doppler-Gesellschaft (siehe Wissen) müssten Sie Interesse am Gelingen des Wissenstransfers haben. Warum gibt es Probleme?

Kögerler: Das hat mehrere Gründe: Zum einen gibt es immer noch sehr wenige Unternehmen, die sich hier engagieren und substanziell und kontinuierlich auf Grundlagenforschungsergebnisse zugreifen. Zum anderen bleiben auch viele Wissenschafter an den Universitäten ihren Beitrag schuldig oder zeigen zu wenig Offenheit. Durch einzelne Förderaktivitäten kann man dieses Problem nicht lösen. Das ist eine Frage des Bewusstseins. Und das ist unterentwickelt. Man sollte ja überhaupt die staatliche Mitfinanzierung von Grundlagenforschung zu Themen aus der wirtschaftlichen Anwendung nicht als "Förderung" im Sinn von mildtätiger Unterstützung verstehen, sondern als gemeinsames Projekt von Gesellschaft und Wirtschaft: Die Wirtschaft hat das Interesse, dadurch wettbewerbsfähig zu bleiben, die Gesellschaft hat das Interesse, ihre geistigen Besitzstände zu erweitern.

STANDARD: Wie müsste sich dieses Verständnis zeigen?

Kögerler: Die Unternehmen müssen verstehen, dass es nichts bringt, in der Forschung nur auf den schnellen Profit zu setzen. Dieses Bewusstsein haben leider nur ganz wenige. Die Uni-Wissenschafter müssen endlich begreifen, dass Fragen aus der Anwendung auch die Grundlagenforschung massiv bereichern können, dass es also nicht böse ist, wenn aus den Ideen der Grundlagenforschung ein marktreifes Produkt wird. Das haben noch immer zu wenige verstanden.

STANDARD: Das Bewusstsein für Forschung, das Sie für Wirtschaft und Universitäten einfordern, ist das denn in der Politik vorhanden?

Kögerler: In einigen der verantwortlichen Ressorts schon, in der Politik insgesamt nicht wirklich. Ein Beispiel: Die für die staatlichen Finanzen verantwortlichen Politiker und Beamten müssen darauf achten, dass möglichst wenig Geld möglichst effizient ausgegeben wird. Sie erwarten also, dass der Hebel groß ist, das heißt, dass die öffentlichen Mittel möglichst viele Ausgaben der Wirtschaft bewirken. Das ist aber nicht immer sachgerecht, etwa nicht im Bereich der grundlagennahen Forschung. Da braucht es Finanzierungen, die man nicht mit wirtschaftlichem Nutzen hochrechnen darf. Das predigen wir seit Jahren. In der Forschungsstrategie stehen ja ein paar Dinge, die schon Anlass zur Hoffnung geben. Man wird sehen, wie die Strategie umgesetzt wird.

STANDARD: Sie sind doch Naturwissenschafter und richten sich nach Fakten. Machen Sie die wirklich hoffnungsfroh? Es sind Zeiten der Budgetkonsolidierung angebrochen. Woher soll also das Geld kommen, um die in der Strategie angestrebten 3,76 Prozent Forschungsquote bis 2020 zu erreichen?

Kögerler: Ich zweifle schon auch. Um die 3,76 Prozent zu erreichen, müssten die Mittel jährlich um 7,5 Prozent, also um 300 Millionen, erhöht werden. Das ist aus heutiger Sicht nicht zu schaffen, wobei die Frage noch zu klären wäre, ob es die 3,76 Prozent wirklich braucht. Die Wissenschafter des Joanneum Research haben das vorgerechnet. Vielleicht sollte man die tatsächlich zu erwartenden Mittel noch zielgenauer einsetzen, also dort mehr investieren, wo es den größeren Nachholbedarf gibt.

STANDARD: Wo gibt es den?

Kögerler: In der Grundlagenforschung zum Beispiel oder bei der Unterstützung von Start-ups. Der Wissenschaftsfonds FWF und die Förderbank Austria Wirtschaftsservice AWS machen gute Arbeit, aber sie sind unterdotiert. Da in Österreich die privaten Venture-Capital-Geber fast völlig fehlen, muss wohl oder übel hier der Staat einspringen. Da geht es um mehr Geld für Start-ups und junge Hightech-Firmen in der Wachstumsphase und vor allem um mehr Risikobereitschaft, auch im Zusammenhang mit öffentlichen Mitteln.

STANDARD: Welches Geld?

Kögerler: Viel Geld ließe sich umschichten, wenn der Begriff der förderwürdigen Innovation noch enger gefasst würde. Da fließen viele öffentliche Mittel in Weiterentwicklungen, die in der Schweiz oder in Deutschland nicht mehr gefördert werden.

STANDARD: Glauben Sie, dass der Industrie diese Idee gefällt?

Kögerler: Man muss schon unterscheiden. Wir haben Unternehmen bei uns an Bord, denen bewusst geworden ist, worum es in der Forschung geht. Dass es da eben nicht darum gehen kann, punktgenau ein Ergebnis zu liefern, sondern darum, auch einmal scheitern zu dürfen und vielleicht danach die entscheidende Idee zu haben. Es bringt mehr, wenn ich die Leute arbeiten lasse und keinen Druck mache. Ein Doppler-Labor läuft nur sieben Jahre, dann ist Schluss, da bemüht sich jeder verantwortungsvolle Wissenschafter längst, ein Ergebnis zu liefern, auf das die Industrie aufbauen kann. Das sind sie durch den Arbeitsalltag an den Unis gewöhnt, wo der Nährboden für neue Ideen sein sollte.

STANDARD: Die Unis erhalten im Rahmen der nächsten Leistungsvereinbarung bestenfalls gleich viel Geld wie bisher, aufgrund der Inflation also weniger. Inwiefern kann das schaden?

Kögerler: Sehr, denn es würde einen der schwächsten Punkte im österreichischen Innovationssystem, den Sektor der tertiären Bildung, noch weiter schwächen. Man muss eines sagen: Große internationale Risikokapitalgeber investieren nur dort, wo es eine Kultur gibt, eine Wissenschafts- und Forschungskultur nämlich. Und das Zweite, was mir dazu einfällt: In der deutschen Exzellenzinitiative, die den Unis in Deutschland viel geholfen hat, werden 2012 bis 2016 immerhin 2,4 Milliarden Euro vergeben. Heruntergebrochen auf Österreich wären das 240 Millionen in fünf Jahren. Nicht viel Geld im Vergleich zu anderen Ausgaben, die gemacht werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.08.2011)

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Wissen: Brücke zwischen Idee und Produkt

Die Christian-Doppler-Gesellschaft (CDG) will in erster Linie die heimische Wirtschaft dazu motivieren, Forschungskooperationen mit Universitäten oder außeruniversitären Einrichtungen einzugehen und so eine Brücke zwischen Wissenschaft und industrieller Entwicklung zu schlagen. Sie richtet dazu Christian-Doppler-Labors ein, die – nach Begutachtung durch internationale Experten – für maximal sieben Jahre in Betrieb sind und in grundlagennahen Themenbereichen arbeiten.

Die CDG ist nicht gewinnorientiert, die Finanzierung erfolgt je zur Hälfte durch die öffentliche Hand (Wirtschaftsministerium, Nationalstiftung) und durch beteiligte Unternehmen. Zu den Industriepartnern gehören namhafte Großunternehmen wie Voest, AVL List, Siemens VAI, Infineon und Böhler.

Insgesamt verfügt die CDG über ein Jahresbudget von rund 20 Millionen Euro. Derzeit betreibt sie 65 meist an Universitäten angesiedelte Christian-Doppler-Labors, wobei fünf davon erst kürzlich genehmigt wurden. Als Nächstes am Start ist das Labor für bioaktive Aromastoffe der Uni Wien, es folgen u. a. ein Labor für Solarenergieumwandlung an der Johannes-Kepler-Uni Linz, ein Labor für Strahlenforschung für die Radioonkologie an der MedUni Wien und eines für Schichtentwicklung an der Montanuni Leoben.

Die CD-Gesellschaft ist nach dem österreichischen Physiker und Mathematiker Christian Doppler (1803-1853) benannt. Er wurde durch die Entdeckung des Dopplereffekts berühmt, der die Veränderung einer Frequenz beschreibt, während sich Tonquelle und Zuhörer einander nähern und wieder entfernen. Die Universalität des Effekts führte zu einer breiten Anwendung in Naturwissenschaft und Technik. (kri)