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Wien - Als den Griechen vorgeschlagen wurde, sie mögen doch im Zuge ihrer Staatssanierung ein paar Inseln verkaufen, ging Empörung durch die Bevölkerung. Man werde den ureigensten Besitz des Landes nicht verscherbeln, hieß es. Bei den Inseln handle es sich schließlich um Besitz, der das griechische Selbstverständnis präge.

Mittlerweile ist diese ablehnende Haltung unter dem Diktat der leeren griechischen Kassen geändert worden. Eine ganze Reihe von Inseln steht zum Verkauf. Das griechische Inselbeispiel zeigt jedoch, dass Verkäufe, die finanziell maroden Staaten aufgedrängt werden, in der Bevölkerung als Ausverkauf gesehen werden. Auch wenn Inseln, Bodenschätze oder Infrastrukturunternehmen nicht "weggetragen" werden können, solche Verkäufe werden häufig als eine weitere Abgabe staatlicher Souveränität gesehen.

An dieser ablehnenden Haltung sind die Erfahrungen großer Privatisierungen schuld. Bis in die 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts waren Verkäufe von Staatseigentum fixer Teil der Pakete, die Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank für hochverschuldete lateinamerikanische und afrikanische Staaten schnürten. Diese Pakete beinhalteten neben forcierten Privatisierungen auch, dass weite Teile der Wirtschaft liberalisiert werden mussten, dass fixe Preisregelungen, etwa bei Brennstoffen oder Lebensmitteln für die arme Bevölkerung, aufgegeben werden mussten und dass die Grenzen für Waren und (Finanz-)Dienstleistungen geöffnet wurden. Nur dann kam es zum dringend notwendigen Schuldenerlass.

Der Universitätsprofessor und Nobelpreisträger für Ökonomie, Joseph Stiglitz, der lange Jahre Chefökonom der Weltbank war und in dieser Zeit dieses System mittrug, hat nach seinem Ausstieg aus der UN-Organisation in mehreren Büchern diese Hilfsstrategien gegeißelt. Viele der Privatisierungen gingen dubios über die Bühne. Bei den hastigen Verkäufen des Staatssilbers bedienten sich die "Eliten" eines Landes - häufig mithilfe just jener (westlichen) Finanzinstitute, die davor mit übergroßer Kreditvergabe die Verschuldung eingeleitet hatten.

Die massive Kritik an den harten Vorgaben besonders des IWF (nicht so sehr der Weltbank) hat zu einem gewissen Umdenken geführt. Christine Lagarde, die neue IWF-Chefin, meinte im Hinblick auf die verschuldeten EU-Staaten bereits mehrmals, dass Maßnahmen, die zum Abbau von Schulden führen, mit Augenmaß durchgeführt werden müssen. Niemand will im Herzen Europas Aufstände, wie sie in Schwarzafrika und Lateinamerika in den 1980er- und 90er-Jahren aufgrund von IWF-Sparvorgaben gang und gäbe waren.

Auch die großen Privatisierungsrunden, die mit dem Zerfall der Sowjetunion und ihrer Satelliten einhergingen, werden nicht unbedingt als empfehlenswerte Beispiele gesehen. Offiziell war vorgesehen, dass mittels "Privatisierungsvouchern" die russische Bevölkerung am ehemaligen sowjetischen Volksvermögen beteiligt wird. Wundersamerweise aber verloren die Gutscheine laufend an Wert. Gleichzeitig landeten die Filetstücke des Sowjetregimes - Energieunternehmen, Bergbau, riesige, wenngleich abgewirtschaftete Automobilfirmen - in den Händen weniger skrupelloser junger Geschäftsmänner, die seither Oligarchen genannt werden. Die Rückflüsse aus diesen Verkäufen an den jungen russischen Staat unter Präsident Boris Jelzin waren beschämend gering. Dafür war auch die Unter-der-Hand-Vergabe ausschlaggebend, die sich in hastig einberufenen Auktionen manifestierte, von denen nur ein kleiner eingeweihter Kreis wusste.

Auch in Russland stand der Westen mit seinen Organisationen IWF, Weltbank und Welthandelsorganisation beratend zur Seite. Das ehemalige sowjetische Volksvermögen wurde so rasch entstaatlicht, dass sich nicht einmal Kritik schnell genug formieren konnte. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.7.2011)