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Deutschlands Olympia-Hoffnung Totilas.

Foto: APA

Rotterdam/Wien - Nicht vom Fleck zu kommen, das kann schon zielführend sein in der Dressur-Reiterei, in der Piaffe zum Beispiel soll das Pferd möglichst auf der Stelle traben. Insgesamt haben sich die Deutschen den Start in die EM in Rotterdam aber schon anders vorgestellt. Den Niederländern und den Briten, die ihnen zuletzt den Rang abliefen, wollten sie es so richtig zeigen, so wie früher. Und nun dürfen sie sich schon nach dem ersten Tag des Teambewerbs kaum noch Hoffnungen auf den Mannschaftstitel machen. Zwei Duos enttäuschten, und die Briten, bei denen Charlotte Dujardin auf Valegro begeisterte, sind nun hoch zu favorisieren. Da können sich die Deutschen, mit Verlaub, auf die Hinterbeine stellen - auch wenn ihr Superstar erst heute an die Reihe kommt.

Dieser deutsche Star ist nicht Reiter noch Reiterin. Sondern ein Ross. Totilas heißt der elfjährige Rapphengst, die Deutschen haben ihn im Vorjahr den Niederländern abgekauft. Dem Vernehmen nach bezahlte eine Gruppe um Paul Schockemöhle mehr als zehn Millionen Euro für Totilas, das wäre ein Vielfaches der bisherigen Rekordsumme im Dressursport. Totilas jedenfalls, der früher Edward Gal von einem Erfolg zum nächsten trug, piaffiert und traversiert nun unter dem 27-jährigen Deutschen Matthias Rath. Beim großen Turnier in Aachen gewannen sie alle drei Einzelprüfungen, wobei teilweise wohlwollende Wertungen der Punkterichter selbst von deutschen Zusehern mit Pfiffen quittiert wurden.

Der Totilas-Deal hat in der Szene für viel Aufregung gesorgt. Niederländische Fans machten ihrer Empörung im Internet Luft. "Einen Totilas kaufen, ist keine Kunst. Aber einen Totilas auszubilden, ist eine Kunst. Und es ist eine besondere Kunst, einen Totilas zu züchten", lautete einer der Kommentare auf der Homepage von Rath, für den immerhin spricht, dass er die Diskussion auf seiner Seite überhaupt zulässt. Rath hat es schwer genug, was seine Beurteilung betrifft. Ist er auf Totilas erfolgreich, wird das automatisch der Qualität des Pferdes zugeschrieben. Scheitern die beiden, kann nur der Reiter daran schuld gewesen sein.

"Uns wurde Totilas ja auch angeboten", hat gestern Elisabeth Max-Theurer dem Standard diesbezügliche Gerüchte bestätigt. Wobei die Olympiasiegerin von 1980 und ihre nun erfolgreich aktive Tochter Victoria das Angebot ausgeschlagen hätten, noch bevor es zu Preisverhandlungen kam. "Es macht einfach viel mehr Spaß, ein Pferd selbst auszubilden und gemeinsam etwas zu erreichen", sagt Max-Theurer stellvertretend für ihre Tochter, die mit ihrem elfjährigen Augustin genau diesen Weg gegangen ist.

2009 war ein fünfter EM-Platz solo sowie ein sechster im Team der Lohn. Heute, Donnerstag, sind Victoria und Augustin ebenso im Einsatz wie Peter Gmoser und Cointreau. Renate Voglsang und Adriano zeigten gestern schon eine recht gute Leistung. Eine Wiederholung des sechsten Platzes von 2009 und die damit verbundene vorzeitige Olympia-Qualifikation des Teams wäre dennoch eine Überraschung.

Laut Elisabeth Max-Theurer wird "ein bisserl viel Theater um Totilas gemacht. Das geht vielen auf den Keks." Natürlich sei er ein Ausnahmekönner, und natürlich gehe es in der Dressur um Politik. "Aber reiten muss man im Viereck. Da sind stets zwei Lebewesen unterwegs, die gut miteinander harmonieren müssen." Ein Superstar macht jedenfalls noch keine Mannschaft - und wenn er noch so schön auf der Stelle tritt. (Fritz Neuman, DER STANDARD Printausgabe 18.08.2011)