Der Wiener Aktionismus der Sechzigerjahre führte in ganz verschiedene Richtungen: Rudolf Schwarzkogler entschied sich für den Suizid; der Mysterienmeister auf Schloss Prinzendorf, Hermann Nitsch, wurde Professor an der Frankfurter Städelschule; und der Grazer Günter Brus entwickelte sich zum mit Dämonen faszinierend ringenden Großzeichner.

Der künstlerisch vielleicht Nachrangigste der Gruppierung, Otto Muehl, studierter Lehrer und Kunstpädagoge, gründete Anfang der 1970er-Jahre eine recht hochtrabend Aktionsanalytische Organisation (AAO) benannte Kommune im Burgenland, später Ableger auf Gomera und in mehreren europäischen Städten.

Rasch etablierte er sich in dieser Kommunität, in der sich auf brachial-autoritäre Art die Lehren eines Wilhelm Reich mit Gestalttherapie und antibürgerlichen Aufbruchsvisionen vermischten, als unumstrittener, ja schier messianisch verehrter Guru. 1991 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu sieben Haft verurteilt, die er komplett absaß.

Seither lebt er in Portugal. Im letzten Jahr gab es in Wien anlässlich Muehls 85. Geburtstags einige Galerieausstellungen sowie eine anlässlich der nicht unumstrittenen monografischen Schau im Museum Leopold, kuratiert von Diethart Leopold, dem Sohn des Sammlers und von Beruf Psychotherapeut, gewundene Teilexkulpation Muehls in Schriftform.

Zu Recht wurde moniert, dass sich Muehl noch immer nicht zu einer umfassenden und von Einsicht zeugenden Entschuldigung bei seinen Opfern aufraffte.

Im Ritter-Verlag, der 1989 den Begleitband der großen Ausstellung über den Wiener Aktionismus in der Albertina herausbrachte und später Otto Muehls Aufzeichnungen Aus dem Gefängnis 1991-1997 edierte, kurioserweise begleitet von einer Einleitung des französischen Populärphilosophen und rabiaten Antifreudianers Michel Onfray, hat nun Maria Diederich ihren als "Roman" apostrophierten Erinnerungstext an ihre Jahre in der Muehl'schen Kommune veröffentlicht.

Es ist ein deutliches und recht eindringliches Lehrstück, wie rasch gut gemeinte gesellschaftliche Befreiung ins Gegenteil umschlagen kann, wie starr emanzipierte Revolutions- und Freiheitsbewegte eine irrwitzig und vollkommen willkürlich gehandhabte Hierarchie inklusive Auf- und Abstufungen inklusive öffentlicher Demütigungen akzeptieren. Wie eine aufgeklärte Generation sich freiwillig in Unmündigkeit begibt und jedes Reflexionsbemühen aufzugeben mehr als willig ist.

Diederichs, heute 56 und im Großraum Düsseldorf lebend, wurde mit 23 Jahren in die Kommune initiiert und lebte jahrelang, bis zur Auflösung der Gemeinschaft infolge Muehls Verurteilung, an wechselnden Standorten. Ihre Hauptfigur Anna ist eine dünne Verschleierung ihrer selbst. Deutlich zeigt Diederichs in immer wieder neuen Anläufen und an verschiedenen Personen die Suche nach Geborgenheit und die Umstände, wie unter dem Diktat eines autokratischen Prinzipiensetzers und schrankenlosen Erotomanen die Welt abgekoppelt wird. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 20./21. August 2011)