Manche Festivalbesucher müssen ihre Wunden nähen lassen, anderen reichen ein Kübel und ein paar tröstende Worte. Die Sanitäter und Ärzte haben auf dem Frequency Hochbetrieb

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St. Pölten - Er braucht keine Betäubung, sagt er. Die Wunde, die der junge Mann an der Ferse hat, sieht ziemlich übel aus, humpelnd und blutend kam er ins Sanitäterzelt - aber er hat offenbar schon den ganzen Tag lang mit Alkohol vorgesorgt. Ohne Klagen, eher belustigt lässt er die Nähprozedur über sich ergehen. Ein Sanitäter wirft einen Blick auf das Schuhwerk der umstehenden Personen. Flipflops, sagt er, sind eine der größten Gefahrenquellen beim Frequency-Festival. Glas ist zwar verboten, aber auch eine zertretene Dose kann eine Ferse aufschlitzen.

Donnerstag, 19 Uhr, im Hauptstützpunkt des Roten Kreuzes auf dem Frequency. Während auf den Bühnen gerade die ersten bekannteren Bands des Line-ups spielen, läuft hier schon längst alles auf Hochtouren. Über 600 Menschen wurden bereits versorgt, die meisten hatten Schnittwunden, einen Bienenstich oder sie hielten die Kombination von Alkohol und Hitze nicht aus. Auf acht Stützpunkten arbeiten von Mittwoch bis Sonntag insgesamt 450 Sanitäter, bis zu 120 gleichzeitig; sie leisten rund 10. 000 Einsatzstunden. Dazu kommen Notärzte, Logistikpersonal und die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams.

Letzteres muss am frühen Abend wieder angefordert werden: Ein Mädchen, das gerade noch in der Lage ist, seinen Kopf über einen Kübel zu halten, braucht Zuspruch. Einer anderen wird die "Pille danach" verabreicht. Die Kombination aus spontanem Sex, Alkohol und Liebeskummer hält die Sanis ebenso auf Trab wie die Schnittwunden.

Hinter dem Großeinsatz, der vom Veranstalter bezahlt wird, steckt ein ausgeklügeltes System. Auf einem großen Bildschirm im Zelt des Hauptstützpunktes ist zu sehen, wo gerade wer behandelt wird oder abtransportiert werden muss. Mittels einer eigenen iPad-Anwendung wird alles minutiös dokumentiert, auch die Telefonate und Funksprüche werden mitgeschnitten. Eine Vorsichtsmaßnahme: Falls sich jemand über einen Einsatz beschwert oder gar ein Festivalteilnehmer stirbt, muss jeder Schritt der Einsatzkräfte nachvollziehbar sein. Warum sie sich trotzdem unentgeltlich die Nacht um die Ohren schlagen? Es ist die familiäre Atmosphäre, sagt einer. Die meisten kennen einander seit vielen Jahren aus dem Rettungsdienst.

Kurz nach ein Uhr früh. Seeed haben auf der Hauptbühne gerade ihr erstes Konzert nach vier Jahren Bandpause beendet. Jetzt strömen die Massen in Richtung "Nightpark", wo auf der anderen Seite des Festivalgeländes weitergefeiert wird. Das bedeutet Verschnaufpause für den Hauptstützpunkt; in ein paar Stunden, wenn alle zurück zum Zeltplatz kommen, wird es wieder rundgehen.

Nur einer hängt an einem Tropf, bewacht von einem Polizisten: Er soll ein Zelt beschädigt haben, kann dem Beamten aber nicht einmal Namen oder Adresse sagen. Das wird schon wieder, sagt ein Sanitäter, auskotzen und eine Stunde Bettruhe, dann feiern die meisten munter weiter. Und bei dem durchschnittlichen Alkoholisierungsgrad der Festivalbesucher sei es ohnehin "ein Wunder, dass wir hier nicht viel mehr zu tun haben". (Andrea Heigl/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. August 2011)