Die Villacher Lederergasse gilt mit ihren Bars und Rotlichtlokalen als Problemzone. Mit vereinten Kräften wollen sie die Hausbesitzer zum Zentrum der Kreativwirtschaft machen.

Foto: Stadtmarketing Villach

Immobilienbesitzer entdecken den Wert gemeinsamen Handelns. Berater helfen ihnen dabei.

Was tun, wenn ein Stadtviertel verlottert? Wenn Einkaufsstraßen veröden, weil nebenan Attraktives, Neues entsteht? In Villach und Bregenz hat man das Instrument Quartiersentwicklung entdeckt.

Sogenannte Business-Improvement-Districts sind nicht neu. In Kanada und den USA entstanden sie schon in den 1970er-Jahren. Als Kommunen pleitegingen und Hausbesitzer um den Wert ihrer Immobilien fürchteten, entdeckte man die Möglichkeiten von Private Public Partnerships. Längst ist die Partnerschaft in den USA (wie auch in sieben deutschen Bundesländern) nicht mehr freiwillig, sondern Pflicht. Ist eine Mehrheit der Besitzer für Sanierung, muss der Rest mitzahlen.

Gemeinsame Lösungen gefragt

Diese Modelle könne man nicht einfach auf Österreich umlegen, sagt Kommunenberater Roland Murauer von der Rieder Cima Beratungs- und Management GmbH. Da gesetzliche Grundlagen fehlten, gehe es um gemeinsame Lösungen, die Kommunen wie Hausbesitzer mittragen. Das erste Pilotprojekt wurde vor zwei Jahren in Kärnten gestartet.

In Villach (56.000 Einwohner) will man die Lederergasse, Fußgängerzone zwischen Drau und Hauptplatz, die als Rotlicht- und Saufmeile verrufen ist, zur Geschäfts- und Wohnstraße machen. Von 7000 m² Geschäftsfläche stehen dort 50 Prozent leer.

Kreative werden angelockt

"Nach 27 Sitzungen und einer Studienreise wurde im letzten Herbst ein Verein der Immobilienbesitzer gegründet", verweist Gerhard Angerer, Geschäftsführer der Stadtmarketing GmbH, auf die Mühen des Anfangs. 70 Prozent der 30 Hausbesitzer machen mit, ihr Ziel formuliert Obfrau Petra Herbst-Pacher: "Die Lederergasse wird ein Zentrum der Kreativität, eine Bummel- und Wohlfühlzone." Ein Cluster Kreativwirtschaft soll die Ansiedlung von Kleinbetrieben aus der Kreativszene fördern.

Pro Jahr investieren Stadt und Besitzer im Verhältnis 60:40 rund 60.000 Euro in das Projekt, gesichert ist die Finanzierung auf vier Jahre. Investiert wird in Veranstaltungen zur Imageförderung, Graffiti-Entfernung, langfristig arbeitet man an Angeboten für neue Mieter: kalkulierbare Mietpreise, flexible Geschäftsflächen, gemeinsame Sitzungsräume, Rezeptionsdienst. Angerer: "Wir sind noch lange nicht am Ziel."

Istzustand und Potenzial

Ganz am Beginn stehen noch die Bregenzer (28.000 Einwohner). Der Leutbühel, zentral gelegener Fußgängerplatz, soll auf die Konkurrenz aus der geplanten Seestadt vorbereitet werden. "Bevor es brennt", wolle man die Entwicklungsmöglichkeiten des Quartiers analysieren, sagt Bürgermeister Markus Linhart.

Die Bregenzer holten sich ebenfalls die Experten der Cima zur Seite. Sie begannen kürzlich mit der Evaluierungsphase. Sie eruieren die Anzahl der Hausbesitzer, Eigentümer, Mieter. Dann wird in Einzelgesprächen Istzustand und Potenzial der Häuser und Geschäfte erhoben. Die erste Phase gilt der Vertrauensbildung, der Kommunikation. Bis zur Umsetzung von Maßnahmen können fünf Jahre vergehen. (Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.8.2011)