Politische Ausreisser können es einer Partei ganz schön schwer machen. Das kann so weit gehen, dass eine gedanklich bereits vereinnahmte Kanzlerschaft wieder in die Ferne rückt. Ein warnendes Beispiel dafür ist die FPÖ, die derzeit um die Früchte ihrer konstruktiven Oppositionsarbeit bangen muss, nur weil einige glauben, mit eigenständigen Auffassungen glänzen zu müssen. Die in weiten Teilen linksextremen Grünen und ihre Handlanger in den Medien haben eine neue Lieblingsbeschäftigung. Anstatt sich um Politik zu kümmern, lesen sie tagaus, tagein die Facebook-Profile freiheitlicher Politiker und nähren daraus ihre Dauerkampagne gegen die FPÖ, hat der Hüter des österreichischen Parlamentarismus, dritter Nationalratspräsident Martin Graf, nun Grund, in "Zur Zeit" zu klagen.

Naturgemäß hat die Lektüre der Facebook-Profile freiheitlicher Politiker unerwünschte Reaktionen zur Folge, was wiederum zu noch weniger erwünschten in der eigenen Klientel führt. Opfer einer solchen Reaktion geworden zu sein, empfindet Graf als schreiendes Unrecht, steht er doch, von gelegentlichen Missverständnissen abgesehen, total hinter H. C. Strache. Besonders kraß wird es, wenn sich einer, der seit Jahrzehnten vorgibt, dem freiheitlichen Lager nahezustehen, in Komplizenschaft mit den größten Rüpeln des Blätterwalds begibt. Lothar Höbelt hat nichts Besseres zu tun, als mir in der mit Inseraten aus dem roten Wien üppig bezahlten U-Bahn-Zeitung Heute auszurichten, ich sei als Dritter Nationalratspräsident eine "Fehlbesetzung" und solle einen Maulkorb tragen.

Es ist in der Tat besonders kraß, wenn einer, der seit Jahrzehnten vorgibt, dem freiheitlichen Lager nahezustehen, das ausspricht, was drei andere Parteien, die dem freiheitlichen Lager nicht so nahe stehen wie er, vor der Wahl eines dritten Nationalratspräsidenten hätten erkennen und nach dieser Erkenntnis handeln müssen.

Verständlich daher Grafs Erbitterung. Ob es der von Höbelt gepflegten Eitelkeit zuträglich ist, sich den Brachial-Journalisten dieses Blattes anzudienen und dabei sogar verpönte Tiervergleiche anzustellen, muß er sich selbst beantworten. Die Antwort kann ihm nicht schwer fallen, haben sich doch schon ganz andere Größen des politischen Lebens den Brachial-Journalisten dieses Blattes angedient. Eines sei jedoch gesagt und zwar all jenen, die Höbelt noch für einen "kritischen Geist" aus dem freiheitlichen Lager halten: Dieser Mann ist ein Vertreter der alten FPÖ und nicht unserer heutigen Gesinnungsgemeinschaft. Schlimmeres lässt sich über einen Menschen kaum sagen. Denn wenn es nach ihm ginge, dann würden wir 2013 wieder blindlings in die Arme der ÖVP laufen, es möglichst billig geben, und wenn wir dabei erneut zerschellen, käme Höbelt damit mühelos zurecht. Dann wählt er eben wieder die ÖVP, deren Machterhalt in Wahrheit all sein Wirken gilt. Pfui Teufel!

Was die FPÖ betrifft, ist schwer zu sagen, wo die alte aufhört und die neue beginnt. Uwe Scheuch, der andere, dem viele in der Partei und außerhalb heute einen Maulkorb wünschen, darf als archetypisches Bindeglied zwischen Alt und Neu gelten. Da stimmt die Herkunft mit der aktuellen Einschätzung des Rechtsstaates noch überein, und eben das versuchte Andreas Mölzer, Chefideologe der Strache-Partie, aus gegebenem Anlass möglichst parteischonend aufzubereiten: Über die freiheitlichen Wurzeln der Rechtsstaatlichkeit.

Mit dem Graben nach den Wurzeln beginnt er 1848, um sich rasch der Gegenwart zu nähern. Haiders Politik der Stimmenmaximierung und der Überwindung der personellen und strukturellen Grenzen des klassischen Dritten Lagers führte neben der ideologischen Beliebigkeit aber auch zur verstärkten Aktivität von Karrieristen und halbseidenen Elementen, die sich in der Folge bei passender Gelegenheit, vorzugsweise im Zuge der Regierungstätigkeit, als überraschend leicht korrumpierbar erwiesen.

Jetzt nicht sagen, unter Strache habe sich nicht viel geändert. Bei Uwe Scheuch liegt es nicht an ideologischer Beliebigkeit, bei ihm ist das Establishment schuld. Es ist nämlich so, dass eine Partei wie die FPÖ nicht gleich mies wie das politische Establishment sein darf, sondern sauber sein muß. Und vor diesem Anspruch erscheinen Scheuchs kolportierte Aussagen eher ein Hinweis darauf zu sein, daß sich die Kärntner Freiheitlichen teilweise den politischen Verhaltensweisen des Establishments angepaßt haben. Und dafür sollte man ihm dankbar sein. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 20./21.8.2011)