Die Reaktion aus Österreich fiel trotzig aus. Da könne man gleich diskutieren, ob Stalin richtiggelegen sei, ereifert sich Christian Ortner, der seinen Blog für das "Zentralorgan des Neoliberalismus" hält, über den Glaubensabfall der vermeintlichen Brüder im Geiste. Den inquisitorischen Einspruch provoziert haben die konservativen Publizisten Charles Moore, Ex-Berater Margaret Thatchers, und Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ketzerischen Zweifel hatten sie ausgesprochen: Ob die Linke am Ende doch recht habe?

Wobei denn nur, rätselt Ortner. Das sprechen Moore und Schirrmacher eigentlich recht deutlich aus. Unter dem Deckmantel von Autonomie, Freiheit und Individualismus sei ein pervertiertes System gewachsen, das einige wenige reich macht, statt der Masse Chancengleichheit zu bieten, konstatieren die beiden - und stoßen damit ein neoliberales Dogma um, das Politiker vieler Farben übernommen haben: dass die unsichtbare Hand des freien Marktes mit ihrem segensreichen Walten für Gerechtigkeit sorge.

Diese Zweifel konnten einem freilich schon einschießen, ehe in der Krise Steuerzahler für die Exzesse am Finanzmarkt bluten mussten - auch in Österreich. Zwar sind die hiesigen Verhältnisse viel ausgewogener als etwa im Thatcher-geschädigten Großbritannien, doch gewachsen ist die Kluft zwischen Arm und Reich allemal. Grosso modo stagnieren die Realeinkommen der Arbeitnehmer seit 15 Jahren, ihr Anteil am Volkseinkommen ist kontinuierlich gesunken. Große Verlierer sind Schlechtverdiener, die besonders unter Arbeitslosigkeit, prekären Jobs oder höheren Verbrauchersteuern leiden: Niedrige Bezüge verloren seit Mitte der Neunziger vielfach stark an Wert.

Floriert haben hingegen die auf eine Oberschicht konzentrierten Vermögen, die dank steuerlicher Schonung kaum zur Finanzierung des für Ausgleich sorgenden Sozialstaates beitragen. Diese Entwicklung schwächt nicht nur den von den Massen getragenen Konsum und damit das Wachstum. Ökonomen wie Joseph Stiglitz halten ungleiche Einkommensverteilung auch für eine Krisenursache, weil überschüssiges Kapital die Finanzkasinos befeuere.

Jahrelang haben sich heimische Regierungen um die wachsende Schieflage kaum geschert. Die SPÖ, die einst Schröder und Blair in die "neue Mitte" nachtrabte, hat _ das Problem vor kurzem wiederentdeckt, die ÖVP schaut bis heute gerne weg. Schützenhilfe erhält sie von Wortführern wie dem Sozialdemokraten Hannes Androsch, der jede Debatte über Vermögenssteuern als Neidattacke qualifiziert, um im selben Atemzug zu beklagen, dass es uns allen zu gut gehe. Doch Wähler werden die Verteilungsfrage stellen - irgendwann vielleicht nicht nur mit einem Strache-Stimmzettel, sondern, wie in London, mit einem Molotow-Cocktail in der Hand. Reflexion über eigene Dogmen täte deshalb auch österreichischen Konservativen gut - und die Finanzministerin sollte weniger Maggie Thatcher anhimmeln als deren früheren Einflüsterer Moore. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.8.2011)