Im rechten Eck: Hitler und Mussolini verfolgen die Folterung von Jesus - was in den 1950ern die Weltpresse beschäftigte.

Foto: Elmar Gubisch

Graz - Wo man normalerweise Erzengel und Heilige findet, tauchen zwei Gesichter auf, die man hier nicht erwarten würde: Adolf Hitler und Benito Mussolini. Der Ort, an dem die beiden Diktatorengesichter böse aus luftiger Höhe auf den Betrachter herabgrinsen, ist die Stadtpfarrkirche "Zum Heiligen Blut" in der Herrengasse im Zentrum von Graz. Und nein, es handelt sich nicht um einen Fall für das NS-Verbotsgesetz.

Heute fällt es einem nur mehr auf, wenn man das große, in besonders kräftigen Farben leuchtende Fenster links vom Altar der katholischen Stadtpfarrkirche genau ansieht. In der rechten Hälfte des Fensters im vierten Teil von unten beobachten die zwei Faschisten das Leiden von Jesus Christus. In den 50er-Jahren allerdings sorgte dieses Fenster für einige Aufregung in Graz. Es war wohl nicht allen recht, dass der gebürtige Berliner Albert Birkle (1900-1986) seinen Finger wenige Jahre nach Kriegsende in diese Wunde der Geschichte legte. Man war schließlich mit Wiederaufbau und dem kollektiven Vergessen ausreichend beschäftigt.

"Entarteter" Künstler

Birkle, der mit seiner speziellen Technik für Glasfenster weltweit Anerkennung fand - unter anderem ist die National Cathedral in Washington, D. C. mit fünf großen Fenstern von ihm bestückt -, hatte am eigenen Leib erfahren, was Faschismus bedeutet. Vor und auch noch zu Beginn der Naziherrschaft war er ein sehr angesehener Maler in Deutschland, Mitglied der Berliner Secession und noch 1936 Vertreter seiner Heimat auf der Biennale von Venedig. Doch schon ein Jahr später erklärte Hitler persönlich die Arbeit des tiefreligiösen und sozialkritischen Künstlers für "entartet", und Birkle wurde vorübergehend mit einem Ausstellungsverbot belegt.

Auch aus öffentlichen Sammlungen, wie jener der Nationalgalerie Berlin, wurden seine Werke daraufhin entfernt. Aufgrund guter Beziehungen auch zu nicht von den Nazis boykottierten Künstlerkreisen konnte der Maler, der seine Bildsprache zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit fand, aber trotzdem auch bis zu Kriegsende Aufträge in Deutschland lukrieren: zum Beispiel für die Wandbilder im Berliner Schillertheater.

Schwerpunkt Passion

Unmittelbar nach Kriegsende wurde Birkle österreichischer Staatsbürger, er starb in Salzburg, wo sich in der evangelischen Christuskirche ebenfalls Birkle-Fenster finden. Die alten gotischen Fenster der Grazer Stadtpfarrkirche wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Als Albert Birkle den Auftrag für neue Fenster erhielt, lag sein Schwerpunkt auf der Passion, also dem Leidensweg von Jesus von Nazareth. Dass er in seiner Glasmalerei biblische Themen mit Zeitgeschichtlichem kommentierte, blieb zeitlebens sein Stilmittel. Auf besagtem Fenster, welches die Stadtpfarrkirche vorübergehend in die Weltpresse katapultierte, finden sich Hitler und Mussolini unter jenen, die der Folter Jesu beiwohnen und ihn verspotten. (Colette M. Schmidt - DER STANDARD-Printausgabe, 22.8.2011)