Grafenegg - Es scheint in diesen Sommertagen eine verlässliche Methode zu geben, Regengüsse herbeizuzaubern - man muss nur eine Festivaleröffnung ansetzen. Tückischerweise funktioniert jedoch auch dieser Trick, der in Mörbisch und Bregenz ziemlich erfolgreich war, nicht immer: Zwar waren in Grafenegg unfreundliche Wolken angesagt, man bat präventiv vom Wolkenturm ins Auditorium; doch ergießen wollte es sich nicht.

Der Publikumsweg von der Freiluftbühne in den Saal war aber ein schöner, bequemer. Eher schien es dem musikalischen Kollektiv schwerzufallen, von der Freiluftbühne im Auditorium anzukommen. Nicht körperlich. Eher innerlich, also, die akustische Dimension des Auditoriums betreffend. Schon bei Nali Grubers eröffnenden Demilitarized Zones, bei denen es zu einer Verschachtelung und Dekonstruktion des Marschmäßigen im Sinne der Emanzipation einer gutmütigen Mittelstimmenmelancholie ging, kam es durch Tonkünstler Brass nicht nur zu transparenten Momenten, vielmehr auch zu richtigen Klangflutungen des Saals.

Diese Spielenergie war bei Beethovens Neunter noch viel weniger zu überhören; besonders dort, wo sich das Tonkünstler-Orchester unter Andres Orozco-Estrada mit dem auch sehr engagierten Philharmonia Chor Wien im Sinne der Verspeisung von Details vereinte. Wie bei jedem überenergischen Konzert gab es aber auch hier das Gute: Man hörte bei Einzelstellen, wie engagiert und bewusst Orozco-Estrada arbeitet.

Eine runde Sache wollte es dennoch nicht werden. Den 3. Satz überkam eine rätselhafte Mattigkeit, und das Vokalquartett (Measha Brueggergosman, Janina Baechle, Michael Schade und Hanno Müller-Brachmann) machte die Tücken ihrer Partien tatsächlich auch dynamisch hörbar. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD - Printausgabe, 22. August 2011)