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Saif al-Islam Gaddafi zeigte sich in der Nacht auf Dienstag in Tripolis vor Journalisten und Gaddafi Anhängern.

Foto: Imed Lamloum, Pool/AP/dapd

Tripolis - Der zweitälteste Sohn von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi, Saif al-Islam, ist offenbar doch nicht von den Rebellen festgenommen worden. Nach Angaben von Korrespondenten der französischen Nachrichtenagentur AFP und des US-Fernsehsenders CNN hält sich Saif al-Islam weiterhin in Tripolis auf.

Er und andere Journalisten hätten Saif al-Islam in der Nacht zum Dienstag in der Residenz seines Vaters getroffen, sagte der AFP-Korrespondent. CNN-Korrespondent Matthew Chance berichtete (unter anderem auf seinem Twitteraccount), Saif al-Islam sei überraschend im Rixos-Hotel aufgetaucht, in dem zahlreiche internationale Journalisten untergebracht sind. Saif al-Islam habe ihm mitgeteilt, dass Machthaber Gaddafi und seine Familie sich nach wie vor in Tripolis aufhielten, und sei anschließend in einem gepanzerten Fahrzeug davongefahren, sagte Chance.

Laut Berichten von Al Arabiya habe die NATO in den Kampf um Tripolis eingegriffen.

Drei Statuseinträge von @mchancecnn um ca. 2 Uhr Früh

Saif al-Islam erklärte vor weiteren Journalisten, die Hauptstadt sei unter der Kontrolle regierungstreuer Truppen. Man habe die Rebellen nach Tripolis in eine Falle gelockt und ihnen das Rückgrat gebrochen, sagte der Sohn Gaddafis nach Angaben von CNN-Korrespondent Matthew Chance im Rixos-Hotel.

Ein AFP-Korrespondent berichtete, er habe den 39-Jährigen zusammen mit zwei weiteren Journalisten in der Nacht zum Dienstag vor der Residenz seines Vaters getroffen. Vertreter von Gaddafis Regime hätten ihn und zwei weitere Journalisten zu Gaddafis Komplex im Stadtteil Bab al-Aziziya gefahren, berichtete der AFP-Korrespondent. Kurz darauf sei Saif al-Islam in einem gepanzerten Geländewagen angekommen, habe sich vor ein Gebäude gestellt, das 1986 von den USA bombardiert worden war und habe gesagt: "Ich bin gekommen, um die Lügen zu widerlegen". Dutzende Anhänger Gaddafis hätten ihn mit libyschen Fahnen und Porträts des Machthabers und seines Sohns empfangen.

Ein BBC-Korrespondent sagte, es sei unklar, ob der Gaddafi-Sohn nach einer Festnahme später wieder freigekommen sei oder ob er sich überhaupt nicht in den Händen der Rebellen befunden habe. Die Rebellen hatten in der Nacht auf Montag die Festnahme Saif al-Islams gemeldet, später wurden die Informationen vom Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Luis Moreno-Ocampo, bestätigt. Saif al-Islam galt lange Zeit als möglicher Nachfolger seines Vaters und war in den vergangenen Wochen wiederholt als dessen Sprachrohr aufgetreten. Er wird ebenso wie Gaddafi vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl gesucht.

CNN-Korrespondent Matthew Chance

Die Rebellen kontrollieren nach ihrem Einmarsch in der Nacht zum Montag nach eigenen Angaben nun bis zu 95 Prozent der libyschen Hauptstadt. Die Residenz des Diktators auf einem schwer gesicherten Militärgelände in Bab Al-Aziziya ist aber weiter in der Hand der Regierungstruppen. Ein Bunkersystem unter der Anlage gilt als ein möglicher Aufenthaltsort Gaddafis. Anderen Spekulationen zufolge könnte sich der Diktator in Richtung algerische Grenze oder in seinen Heimatort Sirte abgesetzt haben, der ebenfalls noch von Regierungstruppen kontrolliert wird.

Flucht

Wie der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera in der Nacht zum Dienstag berichtete, fanden Rebellen zwei Leichen, bei denen es sich angeblich um die von Senussis und die von Khamis al-Gaddafi, eines weiteren Sohnes des Diktators, handeln könnte. Eine Bestätigung dafür gab es aber nicht. Khamis al-Gaddafi, der eine Eliteeinheit der Truppen seines Vaters im Kampf gegen die Rebellen kommandierte, wurde bereits mehrfach von den Aufständischen für tot erklärt. Das Regime hatte die Angaben jedes Mal zurückgewiesen.

Am Montag war Gaddafis ältestem Sohn Mohamed nach Berichten der Rebellen die Flucht gelungen. Er hatte sich den Angaben zufolge beim Einmarsch der Aufständischen am Sonntagabend ergeben und war unter Hausarrest gestellt worden. Später sei er mit Hilfe von Regierungstruppen entkommen, hieß es.

Vormarsch auf Sirte

Bei ihrem Kampf um die Kontrolle der libyschen Hauptstadt Tripolis haben die Rebellen weitere Verstärkung aus der Hafenstadt Misrata erhalten. Mehrere Schiffe mit rund 500 Kämpfern und Waffen an Bord hätten am Montag Tripolis erreicht, weitere Aufständische seien über die Küstenstraße in die Hauptstadt vorgedrungen, teilte der Militärrat von Misrata mit. Soldaten von Gaddafi hätten den Konvoi auf dem Weg nach Tripolis beschossen und dabei drei Rebellen getötet. Weitere Kämpfer hätten von Misrata aus ihren Vormarsch auf Sirte, Gaddafis Geburtsort, fortgesetzt.

In der Umgebung von Sirte feuerten regierungstreue Truppen Scud-Raketen in Richtung Misrata, wie die NATO mitteilte. Die Raketen seien aber meist im Meer oder nahe der Küste heruntergekommen, sodass keine größeren Schäden entstanden seien. Berichte über Tote oder Verletzte lägen nicht vor.

Suche nach Muammar al-Gaddafi

Es ist offensichtlich - Muammar al-Gaddafi ist nach vier Jahrzehnten an der Macht in Libyen am Ende. Der Verbleib von Gaddafi war zunächst unbekannt. Die Rebellen nehmen an, dass er sich weiterhin in Tripolis - in seiner Residenz in Bab Aziziya - befindet. Das US-amerikanische Pentagon teilt diese Einschätzung: "Wir glauben nicht, dass Gaddafi Libyen verlassen hat." Vor Gaddafis Residenz toben die Kämpfe am stärksten, die libyschen Rebellen stellen sich auf einen längeren Kampf ein. "Ich gehe nicht davon aus, dass die Eroberung leicht sein wird", sagte Abdel Hafiz Goga, Sprecher des Nationalen Übergangsrats, in einem Interview mit Al-Jazeera am Montag. Die Bewohner hätten aber nur geringe Chancen, aus Bab Al-Aziziya zu entkommen.

Westliche Staatschefs forderten, Gaddafi müsse vor Gericht gestellt werden. Die Aufständischen riefen sie dazu auf, auf Rache zu verzichten. Außerdem stellten sie Hilfen für den Aufbau eines demokratischen Staatswesens in Aussicht. Auch wurden erste Schritte unternommen, um die Ölindustrie wieder zum Laufen zu bringen.

Der neue "Platz der Märtyrer"

Sonntagnacht hatten Rebellen den symbolbeladenen Grünen Platz im Herzen von Tripolis eingenommen. Hier hatte die Regierung immer wieder Kundgebungen veranstaltet, die die angebliche Beliebtheit Gaddafis im Volk demonstrieren sollten. Kämpfer und Anwohner feierten mit überbordender Freude die Einnahme des Platzes, obwohl in anderen Stadtteilen weitergekämpft wurde. Fahnen der Rebellen wurden geschwenkt, Freudenschüsse in den Nachthimmel abgegeben, der Platz wurde in "Platz der Märtyrer" umbenannt. Keine Grenzen kannte auch der Jubel in der Rebellenhochburg Bengasi, dem Sitz des Nationalen Übergangsrates.

Der Fernsehsender Al Arabija berichtete, dass die Rebellen den Flughafen der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht haben sollen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert die noch loyal zu Gaddafi stehenden Soldaten auf, die Kämpfe einzustellen und einen friedlichen Machtwechsel zuzulassen. Die Afrikanische Union teilte mit, am Freitag eine weitere Krisensitzung zu Libyen abhalten zu wollen.

Obama: "Es ist noch nicht vorbei"

"Es ist noch nicht vorbei", sagte US-Präsident Barack Obama am Montag in einer von den großen amerikanischen TV-Sendern ausgestrahlten Audio-Botschaft zur Lage in Libyen. Noch hätten die Rebellen den Machtkampf in Tripolis nicht endgültig gewonnen. "Doch so viel ist klar: Das Gaddafi-Regime ist am Ende und die Zukunft Libyens liegt in der Hand des Volkes", sagte er.

Zugleich warnte der US-Präsident vor Vergeltung und Gewalt: "Wahre Gerechtigkeit kommt nicht durch Vergeltungsmaßnahmen und Gewalt. Sie kommt durch Versöhnung und durch ein Libyen, das seinen Bürgern erlaubt, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen."

Internationale Hilfszusagen

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erklärte, sein Land werde weiterhin den Übergangsrat der Rebellen unterstützen und lud dessen Vorsitzenden Mahmud Jibril zu einem Besuch am kommenden Mittwoch nach Paris ein. Großbritannien und Deutschland versicherten, eingefrorene libysche Finanzmittel so schnell wie möglich freizustellen. Westerwelle bekräftigte, Deutschland wolle dem nationalen Übergangsrat 100 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Damit soll die Zeit überbrückt werden, bis die im Ausland eingefrorenen libyschen Gelder der neuen Regierung zur Verfügung gestellt werden können. Zunächst aber müssten die innenpolitischen Verhältnisse geklärt werden.

Deutschland sagte Hilfe beim Wiederaufbau des Landes zu. Voraussetzung sei aber, dass die Hilfe gewünscht sei, sagte Westerwelle. Auch US-Präsident Barack Obama stellte Hilfe für Libyen für die Zeit nach Gaddafis Herrschaft in Aussicht. Er forderte die Rebellen außerdem zu einem Gewaltverzicht auf. (flog/derStandard.at, APA, Reuters)