Die unkritische Übernahme im Ars Electonica Programm von gewohnten Floskeln auf der CERN-Homepage erstaunt, insofern das Monsterprojekt LHC hinsichtlich Kosten, Benefits und Risikomanagement tatsächlich mehr als fragwürdig und weiterhin höchst umstritten ist.

Wer unter derzeitigen weltwirtschaftlichen Umständen zur "physikalischen Grundlagenforschung" eine weitere Milliarde Euro in die Urknallmaschine LHC des Kernforschungszentrums CERN pumpen will, damit diese ihrer Konstruktionsmängel behoben und mit doppelt so hohen Energien nach Signaturen vom Zerfall von Schwarzen Löchern und "Strangelets" suchen soll, der hätte gegenüber den Steuerzahlern einen äußerst hohen Erklärungsbedarf!

Die von CERN für 2013 gewünschte kostspielige Aufrüstung des LHC, dessen bisher erzielten Ergebnisse nach Angaben der Betreiber noch jahrelange umfangreiche Forschungen in Anspruch nehmen werden, ist unter rationalen Gesichtspunkten politisch eigentlich kaum vorstellbar - aber weiterhin möglich.

Die CERN-PR jedenfalls gibt sich trotz Weltwirtschaftskrise weiterhin unbeirrt und operierte überhaupt stets mit erheblichem Aufwand: Um den Bürgern das 7-Mrd.-Projekt schmackhaft zu machen, wurden kosmische Superlative bemüht, "Gottesteilchen" beworben und Risiken heruntergespielt - mit tlw. abenteuerlichen Argumenten, die hernach als völlig hypothetisch wieder relativiert werden mussten.

Nunmehr sollen Mutmaßungen über wissenschaftlich noch kaum verstandene Neutronensterne für die letztendliche Sicherheit des nuklearphysikalischen "Urknallexperiments" garantieren, welches sein Sicherheitszertifikat nach wie vor vom Betreiber selbst ausgestellt bekommt. In der BRD tingelte die Propaganda-Ausstellung "Weltmaschine" durch die Lande und nun bekam auch die Ars Electronica nicht nur ihre abgekupferte LHC-Sonderausstellung, sondern das gesamte diesjährige Thema "Origin" wird in offizieller Kooperation mit CERN und der dort üblichen Selbstbeweihräucherung präsentiert.

Das aufgeworfene Thema von Anfang und Ende, dem Davor und Danach des Menschlichen im Kosmos, wäre an sich eine hoch interessante, gerade in Anbetracht der technischen Möglichkeiten kontroversiell zu diskutierende, komplexe Angelegenheit. Allein: Die Präsentation von Urknallmaschine & Co fällt - zumindest in der Programminformation - völlig unkritisch und rein affirmativ aus.

Um 9 Euro bekommt der Besucher ein T-Shirt mit der simulierten "Signatur" des erwarteten Zerfalls eines (hypothetischen) Mikro Schwarzen Loches am LHC, "quasi ein neues Elementarteilchen", wie sich CERN Direktor Heuer kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger ausdrückte. Ja sind wir denn nicht wagemutig, innovativ und provokativ? Die uns mitunter beschleichende Stimmungslage der letzten Tage der Menschheit will freilich vor allem von der Kunst zuerst mal abgefeiert werden.

Die wesentliche philosophische Pointe hierbei ist aber jene: Moderne Kunst darf und soll innovativ, revolutionär und darin sogar besonders extrem sein. Eine ganz andere Frage ist es, ob denn die Atomforschung besonders innovativ, revolutionär und darin sogar besonders extrem sein soll. Genau dies macht die Liaison zwischen Ars Electronica und dem Kernforschungszentrum CERN so naiv wie bedenklich.

Sehen wir es dennoch positiv und gehen wir davon aus, dass die geballte Ladung experimenteller Nuklearforschung das kritische und anspruchsvolle Ars-Publikum ab 31. August nicht nur hypnotisieren, sondern in eine kritische Auseinandersetzung mit diesen technischen Entwicklungen versetzen wird. Protestnote und Kopfschütteln eingeschlossen. (Markus Goritschnig, derStandard.at, 23.8.2011)