Schenker-Wicki mit Töchterle bei der Präsentation der Empfehlungen.

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"Es gibt das Problem, dass an verschiedenen Orten so viele Studierende ins System drängen, dass ein Großteil der universitären Ressourcen für die Lehre verwendet werden muss".

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"Er kommt aus den Bergen und Bergler haben ja bekanntlich harte Köpfe", sagt Andrea Schenker-Wicki über Wissenschaftsminister Töchterle. Sie glaubt, dass er Studiengebühren und Zugangsregeln einführen kann. Schenker-Wicki ist Mitglied jener Expertengruppe, die Empfehlungen für den Hochschulplan entwickelt hat. Die Schweizerin glaubt, dass neue Führungsstrukturen, Zugangsregeln und Studiengebühren den Hochschulstandort Österreich wieder attraktiver machen werden.

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derStandard.at: Sie haben sich eingehend mit dem österreichischen Hochschulsystem auseinandergesetzt. Was ist ihr grundlegender Befund?

Schenker-Wicki: Österreich hat ganz große Stärken und große Traditionen in vielen Fächern. Das Land hat hervorragende Wissenschafter und macht 1a-Forschung an vielen Universitäten sowie außeruniversitären Einrichtungen. Es gibt aber das Problem, dass an verschiedenen Orten so viele Studierende ins System drängen, dass ein Großteil der universitären Ressourcen für die Lehre verwendet werden muss, sodass für die Forschung nicht mehr viel übrigbleibt. Dies ist der Fall, weil die Universitäten in vielen Fächern alle Studierenden aufnehmen müssen, die kommen, auch wenn sie ihnen weder genügend Infrastruktur noch die notwendige Betreuung anbieten können. Dies macht nicht nur die Studierenden unzufrieden, sondern deprimiert auch die Lehrenden, die ja eigentlich - und da spreche ich aus Erfahrung als Universitätsprofessorin - den jungen Menschen möglichst viel aus ihrem Fach weitergeben und das Beste aus diesen jungen Menschen herausholen möchten.

Wenn nun eine Universität oder eine Fakultät den größten Teil ihrer Ressourcen für die Lehre einsetzen muss, fehlen ihr Ressourcen für die Forschung. Da die Forschung aber wesentlich zum Selbstverständnis einer Universität beiträgt und sich die Reputation einer Universität zu einem großen Teil über die Forschung aufbaut, droht hier der Universität ein wichtiger Pfeiler wegzubrechen. Dies führt dann in letzter Konsequenz dazu, dass es immer schwieriger wird, gute Nachwuchskräfte zu halten oder international rennommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu berufen, weil die Arbeitsbedingungen nicht attraktiv genug sind und eine wissenschaftliche Profilierung nicht möglich ist. Wenn in Österreich am bestehenden System nichts geändert wird, dann drohen die Universitäten in die Mittelmäßigkeit abzudriften. Das ist nicht unser Befund, sondern dies haben uns alle Stakeholder, mit denen wir im Verlaufe der letzten Monate gesprochen haben, unisono gesagt.

derStandard.at: In Ihrem Bericht fordern Sie Zugangsregeln. Welche Methode würden Sie empfehlen?

Schenker-Wicki: Wir fordern keine Zusgangsregeln, wir empfehlen diese. Wie diese genau ausgestaltet werden sollen, würden wir den Universitäten überlassen. Ich persönlich würde ein nicht allzu komplexes System auf die Beine stellen, weil es ja auch noch mit einem vernünftigen Aufwand administriert werden muss. Was wir aber skeptisch sehen, ist die Studieneingangsphase, wie sie jetzt gehandhabt wird. Unseres Erachtens wäre es besser, einen Entscheid, ob eine Studentin oder ein Student zugelassen ist, vor Beginn eines Studiums zu fällen, damit anschliessend studiert werden kann und keine wertvolle Lebenszeit verloren geht. Ich persönlich würde, falls notwendig, einen Mix vorsehen: zum Beispiel Maturanote und Eignungsprüfung kombiniert, damit die Tagesverfassung etwas weniger entscheidend ist oder auch eine Kombination mit einem entsprechenden Interview.

derStandard.at: Glauben Sie, dass viele von Ihren Vorschlägen auch umgesetzt werden?

Schenker-Wicki: Das ist vor allem eine politische Frage, die ich so nicht beantworten kann. Ich traue es aber Ihrem Bundesminister Töchterle durchaus zu, dass er etwas bewegen kann. Er kommt aus den Bergen und Bergler haben ja bekanntlich harte Köpfe. Es braucht zwar sicherlich viel Überzeugungskraft und auch Durchhaltewillen, aber der Bundesminister möchte ja das Beste für Ihr Land und Ihre Hochschulen und er möchte vor allem, dass die jungen Menschen so gut wie möglich ausgebildet werden, damit diese jungen Menschen helfen, den Wohlstand und die hohe Lebensqualität in Österreich zu erhalten. Dass dies ein ganz wichtiges Anliegen ist, führt uns die Haushaltskrise in der EU und in den USA gerade jetzt ganz deutlich vor Augen. Wie lange eine Umsetzung dauert, und welche unserer Vorschläge tatsächlich auch umgesetzt werden, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen. Es kommt aber immer wieder vor, dass die Zeit für eine Änderung plötzlich reif ist und dann kann es ganz schnell gehen. Und es könnte auch sein, dass sich die Prioritäten in der Politik ändern und auch dann sieht alles anders aus. Ich denke hier zum Beispiel an zusätzliche Investitionen in die Bildung, wie wir dies ganz am Anfang unseres Berichtes angesprochen haben.

derStandard.at: In der Schweiz stehen die Universitäten wesentlich besser da, aber es gibt kaum Zugangsbeschränkungen. Was macht die Schweiz besser?

Schenker-Wicki: Wir haben wesentlich weniger Studierende als Sie in Österreich haben. Wir haben an den Universitäten rund 131.000 Studierende, zusätzlich an den Fachhochschulen und Pädagogischen Schulen nochmals 75.000. Das macht insgesamt 206.000 im Gegensatz zu Österreich, wo es an den Universitäten 255.000 und an den Fachhochschulen etwa 36.000 Studierende gibt. Außerdem haben wir mehr Geld im System, sodass insgesamt die Betreuungsverhältnisse und die gesamte Ausstattung, die wir zur Verfügung stellen können, besser ist. Unser System hat noch Kapazitäten, natürlich nicht überall. So gibt es zum Beispiel bei uns in den medizinischen Fächern eine Zugangsbeschränkung. Des Weiteren dürfen wir auch einen Teil unserer Masterstudierenden aussuchen und auch die PhD werden an unserer Fakultät nach relativ strengen Kriterien ausgewählt. Der Zustrom aus dem Ausland hält sich zurzeit in Grenzen, nicht zuletzt auch deshalb, weil ein Studium in der Schweiz aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten eine sehr teure Sache ist.

derStandard.at: Gibt es in der Schweiz eine ähnliche Debatte um das Uni-Budget? Hier drohen Rektoren damit, Studienrichtungen schließen zu müssen, wenn nicht bald mehr Geld zur Verfügung gestellt wird.

Schenker-Wicki: Es gibt natürlich immer wieder Debatten ums Geld, aber so wie die Debatte in Österreich geführt wird, findet diese bei uns nicht statt. Wir verfügen über ganz andere Finanzierungsstrukturen als Österreich. Wir haben ein Dreisäulenprinzip: den größte Teil bezahlt der Träger, das heißt die Kantone. Ein weiterer Teil kommt vom Bund und ein dritter Teil von den anderen Kantonen, als sogenannter horizontaler Finanzausgleich. Dies funktioniert so, dass ein Kanton für die Ausbildung seiner Studierenden einen angemessenen Preis zahlt, sofern die Studierenden in einem anderen Kanton studieren. Das ist übrigens auch das System, das wir für die EU-Debatte vorschlagen. Unser Dreisäulenprinzip hat sich sehr bewährt, weil es relativ stabil ist. Zusätzlich haben wir in der Schweiz sehr viel mehr private Drittmittel von Seiten der Wirtschaft im System. Die Universitäten werden zu 16 Prozent die Fachhochschulen zu 20 Prozent von der Wirtschaft finanziert. Tendenz steigend. Es gibt für mich übrigens keinen Grund, warum eine vermehrte Einbindung der Privatwirtschaft nicht auch in Österreich funktionieren sollte.

derStandard.at: Glauben Sie, dass man in Österreich bei der Qualität der Unis wirklich einen großen Sprung machen kann, wenn man die Budgets erhöht und Zugangsregeln einführt?

Schenker-Wicki: Und die Governance neu konzipiert! Von heute auf morgen wird dies nicht gehen, aber es ist unseres Erachtens der richtige Hebel. Damit setzt man sich selbst verstärkende Prozesse in Bewegung, die dann plötzlich die gewünschte Dynamik entwickeln können. Das funktioniert in etwa so, dass sie gute Arbeitsbedingungen für talentierte Forscherinnen und Forscher schaffen, die Reputation aufbauen. Dies führt dann dazu, dass die Arbeitsplätze noch attraktiver werden, was wiederum neue gute Leute anzieht und auch für die Studierenden ein optimales Umfeld schafft. Zusätzlich haben Sie in Österreich den Vorteil, dass die Lebensqualität in ihrem Land sehr hoch ist. Dies spielt bei Berufungen oder Verhandlungen auch immer eine wichtige Rolle. Die Voraussetzungen wären also in dieser Hinsicht ideal.

derStandard.at: Wie viel Zeit haben Sie in dieses Projekt investiert?

Schenker-Wicki: Das kann ich nicht sagen, jedenfalls viel Zeit. Wir haben in der Gruppe und auch mit den Stakeholdern unzählige Gespräche und Diskussionen geführt und das Projekt hat mich bis in meine Träume verfolgt. Insgesamt war es eines der herausforderndsten und spannendsten Projekte, die ich je durchgeführt habe. Ich habe sehr viel über Ihr Land gelernt und es war nicht nur mir, sondern auch meinen beiden Kollegen, eine grosse Ehre, am Projekt Hochschulplan mitzuarbeiten. (derStandard.at, 24.8.2011)