Wien - Je länger ein Missbrauchs- und Gewaltverhältnis andauere, umso schwieriger sei es, ihm ein Ende zu bereiten, weiß Maria Rösslhumer, Obfrau des Vereins der österreichischen Frauenhäuser. Wurden frühe Anzeichen und Hilfsappelle der Opfer ignoriert, drohe die Situation zu chronifizieren: nach außen abgeschottet, nach innen von Angst und Übergriffen geprägt - bis hin zu "Extremfällen" wie jetzt dem Verdachtsfall bei Braunau.

So soll etwa die Tochter des Amstettners Josef F. mit 16 Jahren von daheim weggelaufen sein - zwei Jahre, bevor ihr Vater sie für fast 24 Jahre in einen Keller sperrte und mit ihr sieben Kinder zeugte. Das Jugendamt habe daraufhin nur mit den Eltern, nicht mit ihr selbst gesprochen.

Gefragt: Zivilcourage

Umso wichtiger, so Rösslhumer, sei Zivilcourage, von Sozialarbeitern, Kindergärtnerinnen und Lehrern: "Ihnen allen raten wir, stichhaltige Verdachtsfälle zu melden." Auch wenn das oft schwerfalle: "Meist ist Angst da, etwas zu bewirken, was den Opfern noch mehr schadet. Und mancher zweifelt an der Unterstützung des Arbeitgebers."

Dazu komme, dass Missbrauchsverhältnisse von außen oft nur schwer zu erkennen seien. "Es gibt Indikatoren: etwa, wenn das Wort des Vaters immer unwidersprochen bleibt. Oder wenn sich Frau und Kinder im Kontakt mit Außenstehenden auffällig zurückziehen." Die jetzt öffentlich gewordenen angeblichen Vorfälle in Braunau zeigten erneut, wie schwerwiegend das Verborgene sein könne: "Der Fall Amstetten war nur die Spitze eines Eisbergs." (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 26.8.2011)