"Das Bild ist der Auslöser für etwas anderes", sagt der Schriftsteller Gerhard Roth, hier vor der Pyramide von Hawara, Oase Fayoumn in Ägypten.

Senta Roth

Wem das Glück beschieden ist, einige Tage als Gast bei Gerhard Roth in seinem urigen Dichterhaus auf dem Ferstelberg in der Südsteiermark zu verweilen, dem dürfte dieser Aufenthalt lange in lebendiger Erinnerung bleiben. Einmal der stets fesselnden Gespräche mit dem Autor über Gott und die Welt und des dabei in erklecklichen Mengen genossenen Schilchers wegen. Nicht zuletzt aber auch deshalb, weil diese intellektuellen Auslotungen und Erkundungen vor einer traumhaften, die Inspiration beflügelnden Naturkulisse stattfinden. Bietet sich doch von hier eine grandiose Aussicht über die sanft hügelige Landschaft um St. Ulrich im Greith bis hin zu jenem dichtbewaldeten, in dunklem Blau schimmernden Bergkamm, der die Grenze zwischen Österreich und Slowenien bildet. Die Weite des Blicks von diesem paradiesischen Fleckchen Erde verführt denn auch leicht zu der fantastischen Vorstellung, man könne aus dieser Höhe mit seinem geistigen Auge die Länder und Meere der Welt erfassen, wie sie Gerhard Roth in den vielen Jahren seines literarischen Reiselebens durchmessen hat.

Tatsächlich verkörpert Gerhard Roth neben seinem immensen Schaffen als Schriftsteller das, was man einen "besessenen Fotografen" nennen könnte. So berichtet er, wie er in unmittelbarer Nähe seines Hauses seit dem 22. Februar dieses Jahres regelmäßig um einen Teich herumgeht und jede Veränderung fotografiert. "Ich habe schon 83 Alben mit je 80 Fotos, so dass ich, wenn ich später schreibe, alle Jahreszeiten vorbeiziehen lassen und jedes Ereignis zeitlich genau bestimmen kann", erklärt er seine Methode des Zusammenfließens von fotografischer und schriftstellerischer Arbeit.

Schon in früher Jugend hatte Gerhard Roth mit einer Spiegelreflexkamera der sowjetischen Marke Zenit fotografische Erfahrungen gesammelt. Doch konsequent zu fotografieren begann er Anfang der 1970er-Jahre während seiner ersten USA-Reise, die er zusammen mit dem 2005 verstorbenen Schriftsteller Wolfgang Bauer unternahm. Damals kam er mit dem Notizenmachen zwischen San Francisco und New York nicht mehr nach: "Die visuellen Eindrücke waren einfach überwältigend. Die permanente Veränderung löste eine Schreibblockade bei mir aus, so dass ich das gesamte sich bietende Material nicht mehr schriftlich festhalten konnte. In dieser Situation habe ich zu fotografieren angefangen", erinnert sich Gerhard Roth. Er stellte fest, "dass sich für die visuellen Eindrücke die Fotografie wunderbar eignet: Sie entlastet mich und erlaubt mir, sprachliche und gedankliche Eindrücke wahrzunehmen."

Dem Vorwurf, dies sei doch eigentlich eine "journalistische Methode", begegnet Gerhard Roth mit dem Argument: "Es ist deswegen kein journalistisches Arbeiten, weil es mir nicht um objektive Information, sondern um Inspirationsmaterial geht. Ich hänge nicht am Bild, schreibe das Bild nicht ab. Vielmehr ist das Bild erst der Auslöser für etwas anderes, wie der Anblick von einem Sterbenden der Auslöser für ein ganzes Buch über den Tod sein kann." Eine Karriere als Fotokünstler hat Gerhard Roth nie angestrebt. Die "Fotonotizbücher", wie er seine an die 100.000 Fotografien umfassenden Sammlungen nennt, dienen ihm ausschließlich als Material für seine literarische Arbeit: "Alle Fotografien, die ich für ein Projekt aufnehme, mache ich nur für mich selbst." Ursprünglich wollte er sie auch nicht veröffentlichen. Erst die Einsicht, dass die Fotografien dem Leser den Zugang zu seinem komplexen literarischen Werk erleichtern könnten, überzeugte ihn von der Publikation.

Der dritte große Bildband

Über Land und Meer ist nun - nach Atlas der Stille (2007), einer Fotohommage an das ländliche Leben in der Südsteiermark, und Im unsichtbaren Wien (2010), einer Erkundung der verborgenen Welten der einstigen k. u. k. Metropole - der dritte große Bildband, den Gerhard Roth seinen Romanzyklen Die Archive des Schweigens und Orkus an die Seite stellt. Dies im wörtlichen Sinne. Denn alle Orte, denen sich Gerhard Roth zuwendet, stehen in einer Beziehung zu den Protagonisten der beiden Romanzyklen. Den Titel hat Gerhard Roth bei Adolf Wölfli entliehen, der aus einer Zeitschrift, die Über Land und Meer hieß und vor langer Zeit verschied, viele Bilder ausgeschnitten und als Collage zu seinen Texten verwendet hat. Gerhard Roth möchte den Titel auch ein wenig ironisch verstanden wissen, "weil er ein gewisses Staunen über das Reisen ausdrückt, das vor hundert Jahren noch vorhanden war". Dabei denkt Gerhard Roth an die abenteuerlichen Orientreisen, die beispielsweise Gustave Flaubert mit seinem fotografierenden Freund Maxime de Camp unternahm.

Unter Bezugnahme auf das berühmte Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, einem seiner Lieblingsautoren, schrieb Gerhard Roth einmal, er habe zeit seines Lebens Unruhe verspürt, eine Unrast. Ausleben könne er diese Unrast während des Reisens. "Ich betrachte jede Reise als ein Geschenk", betont er. "Ich plane nicht, sondern lasse mich treiben und vertraue auf den Zufall." Auch bestimmte Motivvorstellungen habe er nicht. Das Motiv und das Bild ergeben sich aus der Situation. Im Fall von "Über Land und Meer" sei das Fremde die Inspirationsquelle gewesen. Roth ist überzeugt, dass man in der Fremde besser sehe als zu Hause: "Was ich täglich sehe, beginne ich zu übersehen. Befinde ich mich dagegen in der Fremde, erkenne ich das Ungewöhnliche, das Außerordentliche."

Und dieses Außerordentliche fängt er in seinen Fotografien ein. Scheinbare Schnappschüsse wechseln sich ab mit bedachtsam gewählten Motiven. Krokodilzüchter und Schlangenbeschwörer bevölkern seine Bilder ebenso wie Fischer, Handwerker, Arbeiter oder zufällige Passanten auf der Straße. Es sind vor allem die einfachen Menschen, die Armen, die Obdachlosen, die am Rande der Gesellschaften Lebenden, denen Gerhard Roth sich zuwendet und deren Lebenswirklichkeit er festhält. Er zeigt ihre Armut, aber auch ihre Lebensfreude. Gerade die Straßenbilder, auf denen Wohnhäuser, kleine Läden und Lokale zu sehen sind, vermitteln eine atmosphärische Dichte, wie sie in keinem Reiseführer zu finden ist. Gerhard Roth spürt dem Leben der Menschen nach, wie sie ihre Arbeitszeit verleben und ihre Freizeit verbringen. Er erkundet die verschiedenen Lebensformen bis zu ihren Extremen, wie sie etwa die Mönche auf dem Berg Athos seit Jahrhunderten für sich gewählt haben. Darüber hinaus sind es die in Details verborgenen Schönheiten, die seinen fotografischen Blick fesseln. Seien es bunte Blätter im Schnee, verschlungene Wurzeln alter Bäume, unscheinbare Kritzeleien an einer Hauswand, vertrocknete Grasbüschel in der Wüste oder der Schatten eines Türknaufs - Gerhard Roth begeistert sich für Zufälligkeiten, die zu Mustern werden und stellt sie in eine Reihe mit Intarsien, verzierten Kacheln und kunstvoll geschmiedeten Fenstergittern.

Mehr als vierzig Grad

"Ich war immer bestrebt, meine Reisen als Herausforderung zu empfinden, und habe auch nicht davor zurückgescheut, mich in Gefahr zu begeben", sagt Gerhard Roth. Eine der in ihm am nachhaltigsten wirkenden Erinnerungen ist die an seine Erkrankung in der Oase Bahariyya in der Libyschen Wüste, 400 Kilometer von Kairo entfernt. "Ich hatte mehr als vierzig Grad Fieber und spürte, dass ich mich in Lebensgefahr befand", berichtet er. "Nach meiner Genesung fuhren meine Frau und ich mit einem Fahrer in die Wüste. Wir stiegen auf eine Düne. Es herrschte absolute Stille. Einzig der Wind verursachte ein leises, pfeifendes Geräusch. Ringsum in der Ferne sahen wir nur Dünen. Durch das intensive Gefühl, ganz in der Fremde zu sein und nicht einmal die Sprache der Menschen zu verstehen, fühlte ich mich dem Tod sehr nahe." (Adelbert Reif, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 27./28. August 2011)