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Selten hohe Qualität: Wolfgang Koch und Evelyn Herlitzius in "Die Frau ohne Schatten"...

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... Angela Denoke und Raymond Very in "Die Sache Makropulos".

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Es gab schon Salzburger Sommer, da schienen interner Zwist und Skandale nicht Ornamente zu sein, vielmehr lästige Bestandteile eines ohnedies terminreichen Programms. Welch produktive Ausnahme dieses Jahr: Die Präsidentin hat sich präventiv schon im Vorfeld der Festspiele mit dem Rechnungshof bezüglich eines kritischen Rohberichts angelegt. Und auch die für die Salzburger Politik peinliche Einladungs- und Ausladungspolitik in Betreff des Eröffnungsredners, die darin mündete, Jean Ziegler nicht reden zu lassen, kochte nicht mehr wirklich hoch.

Eine Ausnahme ist dieser Festspielsommer allerdings vor allem des Programms wegen: Markus Hinterhäuser, der als Nachfolger von Jürgen Flimm nicht zum Zug kam, hat in dieser seiner ersten und letzten Saison als Intendant den Beweis erbracht, dass er unaufgeregt für durchgehende Qualität im Opern- wie auch im Konzertbereich zu sorgen versteht.

Hinterhäuser hat diesen Saisonbeweis allerdings gar nicht nötig gehabt. Er ist seit fast zwei Jahrzehnten (also seit der Post-Karajan-Ära) ein wesentlicher Faktor der Erneuerung der Festspiele, ob als Mitinitiator des Subfestivals Zeitfluss oder als jahrelanger Konzertchef, der nur unter Intendant Peter Ruzicka pausieren musste. Er war quasi die Qualität haltende Konstante, während Intendanten immer mit Diskussionen über ihre Kompetenz oder ihre "zu geringe Präsenz" in Salzburg zu kämpfen hatten.

Natürlich entsprang diese Saison nicht allein seiner Ideenwerkstatt. Man muss sich bei Ruzicka bedanken, einst Claus Guth mit Mozarts Figaro betraut zu haben. Man muss Flimm zugute halten, Guth auch für Così und Don Giovanni gewonnen und für dieses Jahr eine dreifache Wiederaufnahme anberaumt zu haben, als von der Intendanz Hinterhäuser noch keine Rede war. Auch Die Frau ohne Schatten (durch Christian Thielemann heuer der musikalische Höhepunkt) war eine vortreffliche Flimm-Idee, deren Reiz zudem darin bestand, Meisterregisseur Christof Loy engagiert zu haben.

Allerdings, blickt man tiefer, etwa in die Besetzungen der Mozart-Opern, sieht man: Bei allen drei Stücken hat Hinterhäuser durch das Abgehen vom rein philharmonischen Ansatz der Wiener Art und die Einladung etwa der Musiciens du Louvre eine reizvolle Pluralität der Interpretationsansätze zur Diskussion gestellt. Und so auch die für Festivals immer heikle Idee der Wiederaufnahme sinnvoll belebt.

Schließlich aber geht der szenische Höhepunkt des Sommers doch auf Hinterhäuser zurück: Die präzis-witzige Umsetzung von Jánaceks Sache Makropulos durch Christoph Marthaler versammelte auch noch eine Sängerbesetzung, die durch seltene Ausgewogenheit glänzte. Und nicht zu vergessen der musikalisch eindringliche Macbeth mit Riccardo Muti, den Regisseur Peter Stein mit einer immerhin effektvoll buchstabierenden Inszenierung beschenkte. Es zeigt sich hier Hinterhäusers musikalische und motivatorische Versiertheit, die es schafft, auch arrivierte Künstler zu produktiven Konstellationen zu verführen. Das betraf (wie in den letzten Jahren) den Konzertbereich, diesmal aber auch die Oper. Darüber hinaus glänzten die schon bekannten Qualitäten: So war die Moderne als selbstverständlicher Teil des Programms präsent; anhand von Sciarrinos Macbeth zeigte sich zudem, wie einzelne Programmteile, auch einander erhellend, in Beziehung stehen können.

All dies funktionierte auf Basis eines immer auf Qualität achtenden, undogmatischen Stilpluralismus, der Netrebko neben Nono stellt, Philharmoniker neben Klangforum Wien. Ergebnis ist eine Saison, die dem Ideal eines wochenlangen Ausnahmezustands ohne Schwächen nahekommt, mit Räumen des Innehaltens und Kommunizierens für Künstler und Publikum.

Und wenn es gelingt, dieses raffinierte Festivalnetz auch noch auslastungsmäßig erfolgreich über die Stadt zu spannen, ist das Glück der Erleichterung auch ein ökonomisches. Salzburg ist ja ein Mehrspartenriese, einer jedoch, dem immer die Angst vor einem Eigendeckungsselbstmord durch allzu anspruchsvolle Programme im Nacken sitzt.

Heuer erlebte man jedenfalls ein souveränes Festival zwischen belebter Tradition und Moderne, das für Hinterhäusers Nachfolger, Alexander Pereira, eine Herausforderung darstellt. Sicher wird Profi Pereira das Festival quantitativ ausweiten und mit einem höheren Budget zeigen, dass er ein wahrer Sponsorenhypnotiseur ist. Er muss daneben aber auch beweisen, dass er Starrummel mit dem künstlerisch Anspruchsvollen und Innovativen zu verbinden versteht. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 27./28. August 2011)