Salzburg - Seit 40 Jahren dirigiert Riccardo Muti bei den Salzburger Festspielen; in der zweiten Hälfte dieser Zeitspanne ist der feurig-strenge Italiener zur stets fabelhaft frisierten Galionsfigur des Traditionalisten-Flügels der Festspielbesucher avanciert.

Die Süddeutsche Zeitung hat am vergangenen Wochenende die Interimsintendanz Markus Hinterhäusers zum Finale der fortschrittlichen Doppeldekade nach Karajans Tod erklärt - Pereira ante portas. Bemerkenswert, dass Muti just in dieser Saison seinen gut 200 Dirigaten an der Salzach soeben zwölf weitere hinzugefügt hat: Nach acht Macbeth -Aufführungen und zwei Konzerten mit seinen geliebten Wiener Philharmonikern beendete der Neapolitaner mit dem römischen Profil seinen Jubiläumssommer in Salzburg mit zwei Auftritten mit dem Chicago Symphony Orchestra.

Seit einer Saison steht der 70-Jährige dem US-amerikanischen Klangkörper vor (und damit in der Nachfolge Sir Georg Soltis und Daniel Barenboims) - nach dem ersten Eindruck, Paul Hindemiths Symphonie in Es, wohl noch nicht lange genug, um dessen Musizierverhalten völlig nach seinen Vorstellungen zu formen.

Oder waren Mutis musikalische Intentionen nicht exakt genug? Selbstredend, dass das komplexe Werk mit seinen mächtigen, an Bruckner erinnernden Bläserchören und seinen verästelten polyphonen Strukturen solide gearbeitet war, doch in Summe erwies sich Mutis Sicht auf Hindemiths 1941 in den USA uraufgeführtes Werk als zu wenig profiliert: Speziell die Streicher agierten behäbig, träge. Der dem Werk immanenten präzisen Motorik fehlte es an Biss, den Höhepunkten an Schärfe. Beim straff konstruierten Show-Act des Steigerungsjunkies Hindemith hauptsächlich auf gutmütige Klangmacht zu vertrauen entzieht dem Opus einiges an Charakter.

Ein weiteres ideales Tourneestück gab es zum Finale des zweitägigen Gastspiels des Orchesters, Sergej Prokofjews Ballettsuiten von Romeo und Julia op. 64a/b (in zehn Auszügen). Und was haben die technisch versierten Musikerinnen und Musiker vom Lake Michigan so drauf? Wie so oft bei US-Orchestern überwältigte das Blech mit Geerdetheit und Klangmacht, im Ganzen gefiel das Chicago Symphony Orchestra etwa im Menuett mit zauberhafter Leichtigkeit und expressiven Lyrismen; mit schwebender Innigkeit und Cinemascope-Pathos punktete es im sechsten Satz der ersten Suite. Dies reichte beim Festspielpublikum für eine finale Freudenstimmung wie im Fußballstadion - der immer noch juvenile Jubilar quittierte sie mit einem feinen Lächeln und federte zugabenlos von dannen. (Stefan Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 29. 8. 2011)