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Auf keinem Auge blind: Frauen mit mehr Bildung und weniger Patriarchat erkennen besser räumliche Zusammenhänge.

Illustration: Archiv

Washington/Wien - Das Problem ist hartnäckig. In der Mathematik, den Naturwissenschaften und technischen Berufen sind Frauen nach wie vor stark in der Minderheit - selbst in skandinavischen Ländern, sonst mustergültig in Sachen Emanzipation.

Einige Wissenschafter sehen die Ursache in der Biologie. Im Laufe der Evolution haben sich ihrer Meinung nach dreidimensionales Denken und räumliches Verstehen bei Männern besser ausgeprägt. Jäger mussten sich in der Landschaft zurechtfinden und Tiere mit Speeren treffen können. Und deshalb hätten Frauen heute noch Probleme beim Einparken.

Doch so einfach ist es wohl nicht. Eine vom Fachblatt PNAS online vorab veröffentlichte Studie dreier Forscher der University of California in San Diego und der University of Chicago liefert einen klaren Hinweis auf die Bedeutung kultureller Faktoren. Die Experten führten mit insgesamt 1279 Angehörigen zweier nordostindischer Bauernvölker einen einfachen Test für räumliches Verstehen durch und machten dabei eine erstaunliche Entdeckung.

Die beiden Völker, die Karbi und die Khasi aus dem Hügelland nahe der Stadt Shillong im Bundesstaat Meghalaya, sind genetisch nah miteinander verwandt. Auch ihre Ernährung ähnelt sich stark. Reis ist das wichtigste Lebensmittel.

Aber gesellschaftlich gesehen sind die beiden Gruppen sehr verschieden. Bei den Karbi herrschen klassische patriarchalische Verhältnisse. Die Männer haben das Sagen, meistens den Besitz, und der älteste Sohn erbt alles.

Die Khasi haben diese Strukturen praktisch auf den Kopf gestellt. In ihren Clans sind die Frauen Familienoberhäupter und die Erbfolgen weiblich. Die jüngste Tochter ist Alleinerbin, Männern ist es nicht einmal erlaubt, formal Land zu besitzen, und sie müssen verdientes Geld an ihre Ehefrauen oder Schwestern abgeben.

Ungewöhnliche Rollenbilder

"Eine Frau erklärte mir, man könne Männern keine finanziellen Angelegenheiten überlassen, weil sie unverantwortlich sind und das Geld für Alkohol und Ähnliches verschwenden", berichtet Erstautor Moshe Hoffman dem Standard. Interessanterweise jedoch sind politische Ämter bei den Khasi in maskuliner Hand.

Die ungewöhnliche Rollenverteilung hat weitreichende Folgen. Khasi-Mädchen gehen genau so lange zur Schule wie die Buben dieses Volkes, was in Indien unüblich ist. Bei den Karbi dagegen muss der weibliche Nachwuchs die Schulausbildung typischerweise zwischen drei und vier Jahren früher abbrechen.

Um eventuell vorhandene Leistungsunterschiede im räumlichen Denken bei Khasi und Karbi aufzuzeichnen, ließen die US-Wissenschafter Testpersonen in möglichst kurzer Zeit ein simples Puzzle aus vier Würfeln zusammensetzen. Das Ergebnis: Die Frauen der Khasi lösten die Aufgabe im Durchschnitt genau so schnell wie ihre Männer, männliche Karbi waren dafür um 34,6 Prozent schneller als die weiblichen die weiblichen Mitglieder dieses Volkes. Hier bestätigte sich das Klischee.

Nach dem Test wurden die meisten Probanden zu ihrer Bildung und ihren Familienverhältnissen befragt. Die Auswertung zeigte: Für jedes zusätzlich absolvierte Schuljahr waren die Versuchsteilnehmer durchschnittlich 3,4 Prozent schneller. Männer wie Frauen. Die Schulzeit konnte aber statistisch gesehen nicht den gesamten geschlechtsspezifischen Unterschied zwischen Karbi und Khasi erklären.

Möglicherweise ist auch die Beziehung zwischen den Eltern von wesentlicher Bedeutung. Karbi-Frauen aus Familien, in denen Haus und Hof gemeinsamer elterlicher Besitz waren, schnitten im Test wesentlich besser ab als ihre Geschlechtsgenossinnen aus patriarchalischem Heim. Gleichberechtigte Ehepaare erziehen ihre Töchter vermutlich anders, und dies könnte auch Auswirkungen auf das räumliche Verständnis haben. Diese Schlussfolgerung sei aber noch eine Spekulation, betont Moshe Hoffman. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. August 2011)