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"Im Asylverfahren wird selten, aber doch gelogen. Wenn Lügen in Asylverfahren öffentlich werden, schadet das dem Ansehen der großen Mehrheit von Asylwerbern, die wirklich Schutz brauchen und ehrlich sind."

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Jason Dzubow ist Anwalt und Spezialist für Asyl- und Fremdenrecht in den USA.

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Seit bekannt wurde, dass in der Vergewaltigungsaffäre um Dominique Strauss-Kahn das Zimmermädchen Nafissatou Diallo bei ihrem Asylantrag gelogen hat, wird in den USA über Wahrheit und Lüge in Asylverfahren diskutiert. Jason Dzubow, Anwalt und Spezialist für Asyl- und Fremdenrecht sprach mit daStandard.at über die US-amerikanische Asyldebatte und die Verbesserung des Asylrechts.

daStandard.at: Sie schreiben in Ihrem Blog, dass er der einzige ist, der sich ausschließlich dem Thema "Asyl" widmet. Warum setzen Sie sich mit dem Thema öffentlich auseinander?

Dzubow: Einerseits nützt es mir persönlich. Ich bin als Anwalt spezialisiert auf Themen wie Einwanderung oder Asyl. Durch den Blog entstehen neue Kontakte und ich kann meine Arbeit besser machen. Andererseits wird das Thema "Asyl" in den Staaten sehr hitzig diskutiert, es gibt keine politische Mitte. Der Blog soll ausgewogen sein, ich will ehrlich sein können. Nicht alle Asylwerber sind gute Menschen, aber ich will auch positive Aspekte ansprechen. Blogs, die äußerst negative Stimmungen gegenüber Asylwerbern erzeugen, gibt es bereits zugenüge.

daStandard.at:Was würden Sie am Asylwesen der USA ändern wollen?

Dzubow: Im Asylverfahren wird selten, aber doch gelogen. Wenn Lügen in Asylverfahren öffentlich werden, schadet das dem Ansehen der großen Mehrheit von Asylwerbern, die wirklich Schutz brauchen und ehrlich sind. Das wichtigste wäre also, dass man die echten von den anderen Asylfällen unterscheiden lernt. Das ist aber alles andere als einfach. Es fehlt an Geld. Wenn jemand sagt er ist in seinem Heimatland gefoltert worden und wurde später im örtlichen Krankenhaus behandelt, dann könnte ich mit genügend Ressourcen jemanden von der amerikanischen Botschaft ins Krankenhaus senden, um das überprüfen zu lassen. Mit den jetzigen finanziellen Mitteln ist das aber nicht möglich.

daStandard.at: Wäre es nicht übertrieben Leute zu bezahlen, die in Krankenhäusern nachforschen, um möglichen Betrug aufzuspüren? Nur zwei Prozent der legalen Immigranten in den USA sind Asylwerber.

Dzubow: Einerseits ist Naivität in der Asyl-Diskussion fehl am Platz. Menschenhandel ist ein großes Geschäft und hier sollte man entschieden handeln. Andererseits ist die verbreitete Annahme, dass Asylwerber schlecht für ein Land sind, falsch. Lesen Sie auf Wikipedia nach wie viele Leute als Asylasuchende in die USA kamen und dem Land geholfen haben.

daStandard.at: Wie kann man Menschenhandel durch bessere Asylgesetze unterbinden?

Dzubow: Es ist noch utopisch, aber ein weltweites Asylwesen wäre ein Schritt nach vorne. Es ist unfair, dass einige Länder sehr viele Asylwerber aufnehmen und gleichzeitig sehr viele ablehnen müssen. Wenn ein Mensch zum Beispiel Schutz vor Krieg braucht, dann könnte er in einem Land Schutz finden, welches nicht bereits sehr viele Asylverfahren durchführt. Ich verstehe, dass Menschen dorthin wollen, wo es ihnen gut geht und sie vielleicht bereits Familienmitglieder haben, aber Asyl ist etwas anderes als Migration oder Flucht wegen Armut.

daStandard.at: Vor einigen Wochen erschien im "New Yorker" ein Artikel über Asylwerber, die bei ihrem Asylverfahren, eine zum Teil erfundene Geschichte erzählen. Asylwerber haben demnach größere Chancen einen positiven Bescheid zu bekommen, wenn sie ihre Geschichte etwas "übertreiben". Wie oft kommt das Ihrer Meinung nach vor?

Dzubow: Das ist schwer zu sagen. In meinen 200 bis 300 Fällen passierte es zwei Mal, dass mir Klienten gesagt haben, dass sie die Geschichte ihrer Vergangenheit etwas verändert haben. Es kommt dabei auf die Herkunftsländer an. Viele Asyslwerber aus zum Beispiel Äthiopien, China oder Kamerun kommen mit einer "fertigen Story" zu mir. In Äthiopien ist es zum Beispiel beweisbar, dass sehr viele Studenten verhaftet und eingesperrt wurden. Was mit ihnen dann aber tatsächlich im Gefängnis passiert ist, kann nur sehr schwer nachgewiesen werden. Ich denke, dass bei diesen Fällen die Versuchung etwas zu übertreiben schon gegeben ist. Tatsache ist aber gleichzeitig, dass diese Menschen eingesperrt waren.

daStandard.at: Können Sie nachvollziehen, dass Asylwerber Angst haben einen negativen Bescheid zu bekommen und deshalb versuchen ihre Vergangenheit schrecklicher aussehen zu lassen als sie war?

Dzubow: Ja, natürlich. Ich mag die Lüge nicht, aber diese Leute haben sehr viel aufgegeben, um in die USA zu kommen. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass diese Menschen keine Terroristen, sondern oft zum Beispiel Ärzte oder Ingenieure sind. Gleichzeitig ist es aber großzügig von einem Land zu sagen: "Du kannst in unserem Land bleiben und Schutz finden." Es ist sehr schade, wenn diese Großzügigkeit missbraucht wird.

daStandard.at: Wie viele Asylwerber bekommen in den USA einen positiven Bescheid?

Dzubow: Knapp die Hälfte der Fälle wird positiv beurteilt. Letztes Jahr bekamen 21.000 Menschen einen positiven Bescheid, es haben also um die 50.000 um Asyl angesucht.

daStandard.at: Was sollte mit den elf Millionen Menschen passieren, die aktuell illegal in den USA leben?

Dzubow: Meiner Meinung nach überwiegen die Argumente, die diesen Menschen einen legalen Aufenthalt ermöglichen. Sie sind keine Kriminellen und auch aus wirtschaftlicher Sicht wäre es klug sie zu legalen Mitbürgern auszustatten. Sie könnten vorschriftsmäßig Häuser oder Autos kaufen. Außerdem kann man nicht einfach alle abschieben. Wir haben bereits jetzt Rekordzahlen an Abschiebungen. Man sollte versuchen die tatsächlich Kriminellen unter den Dokumentenlosen aufzuspüren und sie dem Gesetz nach verurteilen. Die anderen sollten legal in den Staaten leben können.

daStandard.at: Was raten Sie Asylwerbern, die Sie um Hilfe bitten?

Dzubow: Sie sollen mir ihre Vergangenheit in einfachen und ehrlichen Worten erklären. Oft kommen Menschen zu mir, die Schreckliches durchgemacht haben. Sie sind verunsichert und zweifeln, ob ihr Ansuchen um Asyl "schrecklich genug" ist, um Schutz zu bekommen. Viele meiner Klienten sind aber gebildete Menschen, die wissen, dass es am besten ist nichts dazuzuerfinden.

daStandard.at: In Europa gab es in den letzten Monate große Flüchtlingsströme aus Nordafrika. Ist die Situation vergleichbar mit jener der Flüchtlinge aus Mexiko in die USA?

Dzubow: Ich glaube nicht, dass der Großteil der Flüchtlinge aus Nordafrika Asyl gewährt bekommen sollte. Die Menschen fliehen vor Armut oder wie in Syrien vor Gewalt. Sie sind aber nicht aufgrund von Religionszugehörigkeit, politischer Aktivität oder Ethnizität verfolgt. Mit den USA lässt sich die Situation nicht vergleichen, aber es könnte zum Beispiel passieren, dass die Gewalt in Mexiko rund um Drogen derart eskaliert, dass die dortigen Menschen in den USA um Schutz ansuchen. Ich denke, dass man Menschen, die vor Gewalt oder Krieg flüchten, Schutz bieten sollte. Man kann diese Menschen allerdings auch nach dem Ende der Gewalt wieder in ihre Heimatländer umsiedeln.