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Tristan (Thomas Moser) und Isolde (Deborah Voigt), zwei Liebende, denen man in Günter Krämers Neuinszenierung von Wagners Musiktragödie an der Wiener Staatsoper bei ihrem Tun diskreterweise nicht allzu genau zuschauen soll.

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Am Sonntag präsentierte die Wiener Staatsoper einen neuen "Tristan". Szenisch nur auf dem Papier, musikalisch überzeugend im dritten Akt. Das Publikum bejubelte den Dirigenten Christian Thielemann. Günter Krämer und sein szenisches Team wurden zu Recht ausgepfiffen.


Wien - Es war vor mehreren Jahren in einem der urgemütlichen Transiträume irgendeines Flughafens. Günter Krämer war auch da. Man kam ins Gespräch. Was er in nächster Zeit so plane. Dieses und jenes - und etwas ganz Großes an der Wiener Staatsoper, das auf Wunsch von Direktor Holender allerdings noch Geheimnis bleiben müsse. Nun, da dieses Geheimnis seit Sonntag keines mehr ist, würde man wünschen, es wäre auf immer ein solches geblieben.

Von der Neuproduktion von Tristan und Isolde ist nämlich die Rede, deren szenisch desolates Outfit die nach Ende der Vorstellungen losbrechenden empörten Publikumsproteste tatsächlich rechtfertigte. Doch fast möchte man angesichts der rasenden Begeisterung, die der musikalische Teil des Abends auslöste, Regisseur Günter Krämer, Bühnenbildner Gisbert Jäckel und Falk Wagner als Kostümografen zumindest indirekt hilfreich beispringen.

Denn mit allem nötigen Respekt vor Christian Thielemann, dem Dirigenten, und aller gegenüber den Protagonisten gebotenen Fairness sei eines nicht verschwiegen: Vor allem zu Beginn hat sich diese Premiere auch nicht sehr hinreißend angehört.

Vielmehr dürfte dieser Jubel für die Musik auf einem neuerdings um sich greifenden ziemlich großzügigen Wagner-Verständnis beruhen: Meinte doch ein eleganter Herr, bevor er in einer der vorderen Parkettreihen Platz nahm, mit Kennermiene zu seinem nicht minder soignierten Nachbarn, er freue sich nun schon ganz besonders auf die Walküren.

Bei einem so universellen Wagner-Begriff darf dann der Tristan wohl, besonders zu Beginn, ruhig ein wenig nach Parsifal klingen.

Christian Thielemann mag es nämlich langsam. Dagegen ist an sich nichts zu sagen. Ereignet sich Musik doch nicht nur in den (vom Staatsopernorchester zunächst nicht einmal besonders elaboriert vorgetragenen) Tönen, sondern vor allem zwischen diesen.

Im Vorspiel und im ersten Akt fungierten die Töne allerdings eher als akustische Wegmarken in einem emotionsleeren Gelände und in den von Thielemann ausgiebig zelebrierten Generalpausen nahm man nicht mehr wahr als das Säuseln der Klimaanlage.

Dass Thielemann die Verspätung, mit der die beiden Titelgestalten endlich zu ihrem Liebestrank kamen, durch überhetzte Tempi und übersteuerte Dynamik einbringen wollte, zeugt wohl von einem löblichen Sinn für Pünktlichkeit, war aber der künstlerischen Stimmigkeit dieses szenisch ramponierten Abends auch nicht gerade zuträglich.

Anleihen aus Bayreuth Damit's auch der Dümmste begreift, beginnt sich Tristan (Thomas Moser), als er das Aphrodisiakum endlich hinter der Binde hat, wie ein Besoffener zu drehen. Auch bei Wagner geht die Liebe eben durch den Magen. Alles in einem Ambiente, das in seinem Mix aus Art déco und Nipponerie ziemlich deutlich an Erich Wonders Bayreuther Tristan-Kulisse für Heiner Müllers Maßstäbe setzende Inszenierung erinnert.

Auch der im zweiten Akt in voller Rüstung daliegende tote, dickbäuchige Soldat wirkt wie eine Vulgarisierung der geometrisch angeordneten Helme, zwischen denen Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem auf dem Grünen Hügel ihre stilisierte "Nacht der Liebe" vollzogen.

In Wien geht es da freilich etwas deftiger zu. Deborah Voigt befindet sich im permanenten Zweikampf mit einer roten Schärpe, die zwischendurch auch für einen skurrilen Bandeltanz herhalten muss, und wenn sich die beiden Liebenden auf einer schmalen Bank zum Kusse übereinander beugen, hat dies die Erotik einer Mund-zu-Mund-Beatmung.

Dies alles fällt jedoch nur deshalb so besonders störend auf, weil die Aufführung auch im Folgeakt musikalisch - trotz Robert Holls beachtlicher Intensität als König Marke - nicht abheben wollte.

Dieses Wunder vollzieht sich erst im Schlussakt. Da erfasst diese Aufführung das panische Rasen, da entfachen Thielemann und das Orchester Glut in und zwischen den Klängen, da triumphiert die Sinnlichkeit des Geistigen über das szenische Getapse.

Wen stört da noch, dass der Hirte (Michael Roider), um den sehnsuchtssiechen Tristan zu laben, mit dem Flachmann fixer zur Hand ist als mit seinem Tenor? Stößt doch Thomas Moser mit Letzterem in seinem musikszenischen Endkampf in die Zonen des Allgemeinen vor und macht seinen Tod zur berührenden Parabel der Vergeblich- und Vergänglichkeit alles Menschlichen. Hier endlich steigerte sich Können zu Kunst.

Kein Mensch stößt sich da noch daran, dass Isolde nicht nur ihrem verblichenen Geliebten, sondern nach ihrem mit gewinnender Innigkeit gesungenem Liebestod auch sich selbst die Augen schließt.

Denn bei Wagner gehen Liebe und Tod vor allem durch die Ohren. Und so gesehen war der Schlussjubel auch für Peter Weber als Kurwenal und Markus Nieminens Melot und (etwas weniger) für Petra Langs Brangäne auch wieder durchaus verständlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2003)