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Die Suche nach der Mondsichel in Malaysien.

Foto: EPA/SHAMSHAHRIN SHAMSUDIN

Es passiert ja nicht zum ersten Mal: Aber heuer ist wieder einmal so ein Jahr, in dem im Nahen Osten gestritten wird, ob der Fastenmonat Ramadan nicht zu früh abgebrochen wurde. Dabei liegen meist religiöse und wissenschaftliche Institutionen miteinander im Clinch, besonders in Saudi-Arabien und in Ägypten. Nach Sichtungen der Mondsichel hatte Saudi-Arabien den Dienstag zum ersten Tag des Eid al-Fitr, des Fests des Fastenbrechens ausgerufen, Ägypten war dem unter Berufung auf eigene Beobachtungen gefolgt. Einige Staaten gehen da traditionell mit, andere nicht, im Irak passiert es sogar, dass die Sunniten der Botschaft aus Saudi-Arabien folgen, die Schiiten hingegen nicht. Die Folge ist eine große Konfusion und unterschiedliches Feiertagsende sogar in einer so überschaubaren Region wie dem Nahen Osten und Nordafrika. Und jedes Jahr fordern wieder einzelne Personen und Personengruppen, sich endlich zu einer Regelung für die ganze islamische Welt aufzuschwingen. Das wäre schon aus wirtschaftlichen Gründen - allein schon wegen der Planbarkeit der Feiertage - notwendig, sagen viele.

Den ersten Einspruch meldete vorige Woche die „Jedda Astronomy Society" an, die ausführte, dass das, was die religiösen Behörden in Saudi-Arabien und Ägypten als Mondsichtung akzeptiert und daraufhin das Ramadan-Ende verkündet hatten, in Wahrheit der Saturn war. Aber auch alle astronomischen Berechnungen - etwa die des National Institute for Astronomical and Geophysical Research in Kairo, laut dem der erste Eid-Tag eindeutig der Mittwoch gewesen wäre und nicht der Dienstag - nützen nichts, wenn jemand mit der richtigen Autorität den Mond sieht. Das dann in Frage zu stellen, „beschädigt den Islam", zitiert die ägyptische Tageszeitung Al-Masry al-Youm den Großmufti, Nasr Farid Wasel.

Aber da die Katze nun einmal aus dem Sack war, beschäftigten sich die ägyptischen Medien über die Feiertage hauptsächlich mit der Frage, welchen Tag man nun den feiere und welchen man stattdessen feiern sollte. Ein gefundenes Fressen auch für die große ägyptische Witz-Kultur: „Heute ist der zweite Tag des Monats Shawwal (der zehnte Monat des islamischen Mondkalenders, der den Ramadan ablöst), aber der dritte des Saturn" titelte die Tageszeitung Al-Tahrir.

Das Ganze hat natürlich den ernsten Hintergrund, ob zur Erfüllung einer islamischen Vorschrift die Wissenschaft herangezogen werden darf oder ob die Methoden weiterverwendet werden müssen, die im Frühislam zur Verfügung standen - das Sehen mit dem eigenen Auge. Für viele Muslime und Musliminnen in der ganzen Welt ist die Diskussion darüber lächerlich: Man bedient sich ja auch anderer Kulturtechniken, die es damals noch nicht gegeben hat und die sehr wohl auch ins religiöse Leben hineinspielen. Für andere ist hingegen nicht daran zu rütteln, dass als Anweisung des Propheten Muhammad in einer Überlieferung (nicht im Koran) steht, dass das Fasten zu beginnen und zu beenden sei, wenn die Mondsichel gesichtet wird.

Die noch tiefere Frage ist die, ob Gott tatsächlich immer so agieren muss und agieren will, wie es die Wissenschaften beobachtet und daraus Gesetze abgeleitet haben. Mit einem Wort: Gott kann den Neumond aufgehen oder nicht aufgehen lassen, wann immer er will. Aber selbst wenn man das akzeptiert, bleibt das Problem, dass dann der Mensch diesen Neumond sehen oder nicht sehen kann - und sogar unbedingt sehen will, wenn der Ramadan, in dem man unter Tags weder essen noch trinken darf, mitten im Hochsommer stattfindet wie heuer. Und darin läge ja schon wieder eine gewisse Weisheit der Religion. (derStandard.at, 4.9.2011)