Heidi Schrodt empfiehlt: "Zurück an den Start!"

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Als vor den Sommerferien das neue Oberstufenmodell der Regierung präsentiert wurde, ein Kurssystem, auch unter dem Namen "Modulare Oberstufe" bekannt, folgte in großen Teilen der ÖVP, allen voran vom Vizekanzler selbst, der sattsam bekannte Reflex: "Nicht mit uns". Die ÖVP stehe für Leistung, hieß es da, ein Aufsteigen mit drei "nicht genügend" komme für sie nicht infrage. Man muss fairerweise dazu sagen: Darauf war allerdings die Präsentation des Modells fokussiert. Flugs wurde daraufhin die geplante Reform in eine Sitzenbleiberdebatte umfunktioniert.

Die Bruchlinien der aufgeregt-emotional und wie in Schulfragen gewohnt unsachlich geführten Diskussion verliefen übrigens auch quer durch die ÖVP, deren Bildungssprecher Werner Amon das Paket bekanntlich mitverhandelt hatte. Nur gelegentlich befasste sich der eine oder andere Beitrag mit der Sache selbst. Ein jämmerlicher Kompromiss reduzierte schließlich die Anzahl der "nicht genügend", die zum Aufsteigen berechtigen sollten, von drei auf zwei. Der Koalitionsfriede war wiederhergestellt, und der Entwurf konnte in Begutachtung gehen.

Inzwischen ist die Begutachtungsfrist abgeschlossen, im Sommerloch ist Gras über den vorsommerlichen Aufreger gewachsen, und man kann zur Umsetzung schreiten. Ob allerdings die Umsetzung des Entwurfes in der vorliegenden Form die österreichische Schule weiterbringt, muss bezweifelt werden. Meinen kritischen Bemerkungen sei mein grundsätzliches Bekenntnis zum Kurssystem vorangestellt - seit vielen Jahren beschäftige ich mich theoretisch, aber auch praktisch mit der Materie. Besonders wichtig ist das schrittweise Hinführen zur Hochschulreife, das auch für die ersten Schulen, die sich an die Arbeit der Modellerstellung machten, den Anstoß für ihre Schulentwicklungsarbeit gab.

Autonomie unerwünscht?

Selbstständige Schullaufbahnplanung, selbstbestimmtes Lernen, die Möglichkeit der Setzung individueller Schwerpunkte, die Förderung von (Hoch-)Begabungen ebenso wie konzentrierte Arbeit an der Behebung von individuellen Schwächen stellen wesentliche Momente in diesem Prozess dar. Das "Sitzenbleiben" oder dessen Abschaffung stand niemals im Zentrum, doch soll die Wiederholung ganzer Schulstufen möglichst der Vergangenheit angehören.

Die Evaluierung der österreichischen AHS-Schulversuche zwischen 2007 und 2010 ergab, dass die Anzahl der Schulstufenwiederholungen im Schnitt von etwa 21 bis 12 Prozent auf zehn bis fünf Prozent zurückgegangen ist. Besonders positiv im Ministeriumsmodell ist auch, dass Schüler/innen Lerncoaches zur Verfügung gestellt werden sollen; die individuelle Unterstützung bei der Behebung von Schwächen würde geradezu einen Paradigmenwechsel in unserem System bedeuten.

So weit, so gut. Oder auch nicht. Denn der vorliegende Entwurf ist kein großer Wurf. Auch hat er mit dem, was viele Schulen jahrelang erprobt haben, ebenso wenig zu tun wie diese Schulversuche ihrerseits - bedingt durch die Einschränkungen durch die österreichische Schulbürokratie - mit einem echten Kurssystem, wie wir es aus anderen Ländern kennen. Jeder kleinste Reformschritt muss hierzulande peniblen zentralen Regelungen und Genehmigungen unterzogen werden. Wer sich weiter vorwagen und etwa die Leistungsüberprüfungen grundsätzlich neu regeln will, dem wird zur Sicherheit rechtzeitig ein Riegel vorgeschoben. Auflösung der Schultypen ab der 6. Klasse AHS: Kommt nicht infrage. Ein Semester ohne Schularbeiten? Geht nicht. Wer je an der Entwicklung eines solchen Schulversuchs gearbeitet hat, der weiß, welch steiniger Weg ihn erwartet.

Nun bekommen wir also eine zentrale Regelung, und weil es in Österreich so Tradition ist und wir es uns eigentlich kaum mehr anders vorstellen können, ist diese neue Regelung auch gleich sehr gründlich. Quartale sollen es jetzt sein, in die der Stoff zerlegt werden soll. Warum eigentlich? In den Schulversuchen haben sich die Semestereinheiten bestens bewährt. Dafür muss jetzt jedes Semester positiv abgeschlossen werden, statt wie im Regelsystem jedes Schuljahr. Wozu denn diese Verschärfung des Regelsystems?

Aber so ist es halt vorgesehen, und so haben es künftig alle Schulen zu halten. Die 9. Schulstufe kommt gleich gar nicht vor - ist sie nicht auch "Oberstufe"? Noch dazu: Wer jetzt schon einige Jahre einen Schulversuch zur modularen Oberstufe laufen hat, muss ebenfalls dieses neue System übernehmen oder weiterhin Jahr für Jahr sein erprobtes Modell als Schulversuch einreichen. Dann darf es weiter existieren. Aber ohne Schulversuch und das hochbürokratische Drumherum geht es nicht. Was ist die Logik hinter solchen Vorgaben? Warum darf eine Schule künftig nicht das weiter machen, was sich über Jahre bewährt hat?

Recht weit ist es also noch nicht her mit der Schulautonomie an Österreichs Schulen, wie diese Absurdität beweist. Doch ein wenig Autonomie für die Schulen soll schon dabei sein. So ist vorgesehen, dass die Kompetenzbereiche "schulautonom" definiert werden - warum gerade diese sehr aufwändige und komplexe Aufgabe an die Schulen ausgelagert werden soll, ist nicht nachzuvollziehen. Gerade die für die Zentralmatura erforderlichen Kompetenzen wären bei der "Zentrale" gut aufgehoben, und der erste Jahrgang, der die neue Matura absolvieren soll und jetzt in die 6. Klassen kommt, wartet bereits ungeduldig auf diese kompetenzorientierten Lehrpläne.

Was die Einführung eines Kurssystems in der vorliegenden Form für eine Schuladministration bedeutet, lässt sich von Außenstehenden nicht einmal erahnen. Bereits in den Schulversuchen, die semesterweise geführt wurden, führte die Erfassung jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin auf der Basis von einzelnen Kursen die Schuladministrationen an die äußersten Grenzen ihrer Leistungsmöglichkeit. Verschärft wird das dadurch, dass die österreichischen Schulen keine nennenswerten personellen Ressourcen für Management und Verwaltung zur Verfügung haben, ganz entgegen international üblichen Usancen. Die vorgesehene Beibehaltung des Klassenverbands in Kombination mit einer vierteljährlichen Leistungsüberprüfung lässt ein administratives Horrorszenario erahnen.

Die höheren Schulen haben mit der Umstellung auf die Zentralmatura, einer sehr begrüßenswerten Reform, derzeit ohnehin mehr als genug zu tun. Sie muss nicht nur vorbereitet werden, sondern stellt auch einen radikalen Systemwechsel dar. In den AHS kommt noch die Einführung der Bildungsstandards dazu, auch grundsätzlich sehr wichtig, doch ebenfalls eine gründliche Änderung im System.

Unprofessionelle Hektik

Warum muss also gerade jetzt noch im Schnellverfahren die modulare Oberstufe eingeführt werden, noch dazu in einer so unausgegorenen Form? Wäre es nicht besser, man lässt den Schulen Zeit, verankert und festigt die Bildungsstandards ebenso wie die Zentralmatura? Wenn die Kompetenzen nicht rechtzeitig formuliert werden können, könnte man in der ersten Implementierungsphase auf sie verzichten. Die Umstellung ist auch so noch groß genug; es wäre ehrlicher und professioneller zugleich.

Warum eigentlich nicht gleich zurück an den Start? Weg vom Kurssystem light zu einem Kurssystem, das diesen Namen auch verdient, einem Kurssystem, das entbürokratisiert, dezentralisiert, leistungsorientiert ist und dennoch jeden Schüler individuell fördert; ein Minimum an bürokratischen Vorgaben und ein Maximum an autonomen Spielräumen für die Schulen! Zentrale Überprüfungen und Standards sorgen ohnehin für Vergleichbarkeit innerhalb Österreichs.

Ein solches Kurssystem würde keine Schultypen mehr kennen, keinen Klassenverband in der Oberstufe - was auch die Administrierbarkeit erleichtert -, größtmögliche Schwerpunktsetzungen und Wahlmöglichkeiten für die Schüler/innen bringen und Begabungen individuell fördern.

Schließlich: Warum nicht ein Schulterschluss aller Parteien für ein sinnvolles, großzügiges und wirklich innovatives Projekt? - Dann steigt Österreich tatsächlich auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2011)