Dass sich Amerika verändert hat nach dem 11. September, merkt man zunächst einmal auf den Flughäfen. Laptop auspacken, Schuhe abstreifen, Flüssigkeiten nur in kleiner Menge ins Handgepäck - das alles gab es nicht, bevor die Zwillingstürme zusammenbrachen. Bis dahin war das Einchecken am Airport kaum aufregender als das Besteigen eines Busses gewesen.

Auch politisch hat sich das Land gewandelt, vielleicht aber doch nicht so dauerhaft, wie es die Parolen des "Nichts ist mehr, wie es war" anfangs vermuten ließen. Eher denkt man an ein Pendel, das erst in die eine Richtung schwingt und dann wieder zurück. Als George W. Bush nach dem ersten Schock politische Leitlinien skizzierte, begann er sehr bald von den "Feinden der Freiheit" zu sprechen. Er meinte Al-Qaida, die Taliban, Saddam Hussein. Als Bush Soldaten nach Afghanistan beorderte, betonte er, dass Amerika nicht nur seine eigene Freiheit verteidige, sondern die Freiheit aller Menschen, die ohne Angst leben wollten. Ähnlich wurde der Krieg im Irak begründet: Ziel sei es, die Tyrannei zu beenden, nicht nur in Bagdad, sondern letztlich auf dem gesamten Planeten. Zehn Jahre nach 9/11 sind solche Sätze aus dem Vokabular amerikanischer Politiker so gut wie verschwunden. Die neue Doktrin heißt Bescheidenheit.

Auf der Linken betonen die Demokraten, dass man lernen müsse, im globalen Konzert nicht immer die erste Geige zu spielen. Auf der Rechten ist der globale Interventionismus der Neocons isolationistischen Tendenzen gewichen, dem seit jeher in den Tiefen der amerikanischen Seele schlummernden Wunsch, sich abzukoppeln vom Rest der Welt.

Vom Krieg gegen den Terror, Bushs Lieblingsphrase, reden nicht einmal mehr die Republikaner. Die Schlacht, um die sich alles dreht, ist jene um die maroden Staatsfinanzen. Barack Obama, anfangs verklärt zum globalen Messias, trägt der Stimmung Rechnung, indem auch er es billiger gibt. Für ihn hat der Aufbau zu Hause eindeutig Vorrang vor dem "nation-building" in der Ferne.

Kein Zweifel, die vergangene Dekade war aus US-Sicht eine verlorene. Die Finanzkrise des Herbstes 2008 schadete dem Ruf der Supermacht ebenso wie der Schuldenpoker des Sommers 2011. Hatte Washington China noch vor fünf Jahren im Oberlehrerton aufgefordert, verantwortlicher Teilhaber des Weltwirtschaftssystems zu sein, so sind es nun die Chinesen, die Washington ob des drohenden Staatsbankrotts rügen.

Guantánamo und die Spitzel-Paragrafen des Patriot Act waren sicher nicht das Vermächtnis, das sich die Nation in ihrem patriotischen Idealismus nach 9/11 erhoffte. Auch Obama, der allzu leicht einknickte, nachdem er fest versprochen hatte, die rechtsfreie Zone des Lagers Guantánamo aufzulösen, ließ vieles beim Alten.

Auf der Habenseite steht die Schwächung Al-Qaidas, symbolisiert durch den Tod Osama Bin Ladens. Ansonsten geht am 11. September ein Jahrzehnt zu Ende, das man schnell abhaken möchte. Wer es positiv sehen will, mag sich an Churchill halten: Amerika wird immer das Richtige tun, aber erst, nachdem es alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hat. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2011)