Die ehemalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte, macht in Kroatien wieder Schlagzeilen. Laut Depeschen des US-Außenministeriums, die auf Wikileaks veröffentlicht wurden, habe der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesic den General Ante Gotovina 2002 in Zagreb unter Polizeischutz gesehen. Mesic habe ihr das selbst mitgeteilt, berichtete Del Ponte laut einer US-Depesche.

Mesic wies diese Behauptung in der Zeitung "Novi list" (Montag-Ausgabe) zurück. Auch der damalige Innenminister Sime Lucin bezeichnete Del Pontes Aussage der Zeitung gegenüber als "glatte Unwahrheit". Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass sich Gotovina seit seiner Flucht in Kroatien aufgehalten habe. Auch in Haag dürfte man den Angaben der Chefanklägerin keinen Glauben geschenkt haben, hieß es im Bericht.

Ante Gotovina wurde im April dieses Jahres in Haag erstinstanzlich wegen Kriegsverbrechen zu 23 Jahren Haft verurteilt. Er war seit 2000 auf der Flucht und wurde erst 2005 auf Teneriffa gefasst und an das Haager UNO-Tribunal ausgeliefert. Vielen Kroaten gilt er immer noch als Held, auch die jetzige konservative Ministerpräsidentin Jadranka Kosor lässt nichts auf ihn kommen. Beim Staatsakt zum Jahrestag der Krajina-Offensive Anfang August richtete Kosor dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher vor laufenden Kameras demonstrativ ihre Grüße aus.

"Artillerie-Tagebücher" aus Heeresarchiv entwendet

Zu Gotovina tauchten über Wikileaks noch andere Details auf: Wie "Jutarnji list" am Montag berichtete, habe Ante Gotovina offenbar persönlich 1995 und 1999 Dokumente zur Militäraktion "Sturm" ("Oluja") am 4. und 5. August 1995 aus dem Heeresarchiv entnommen, damals um Material für seine Bücher zu haben.

Der ehemalige Justizminister Ivan Simonovic habe dem US-Botschafter in Zagreb, James Foley, voller Sorge gesagt, dass 23 Dokumente, die sogenannten Artillerie-Tagebücher, nicht auffindbar seien. Das Gespräch fand während der heißen Phase der EU-Beitrittsverhandlungen Kroatiens im Jahr 2009 statt, als Del Pontes Nachfolger Serge Brammertz regelmäßig den UNO-Sicherheitsrat in New York über die Fortschritte und Kooperation informierte. Gotovinas Anwälte wiesen den Vorwurf, der General habe die "Artillerie-Tagebücher" an sich genommen, gegenüber "Novi list" zurück.

Die Dokumente waren jahrelang eines der Stolpersteine für das Abschließen das Kapitels "Justiz und Grundrechte" bei den Beitrittsverhandlungen. Sie sollen belegen, dass Gotovina in Knin systematisch Serben vertreiben ließ. Laut Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal (ICTY) wurden bei der Aktion zur Rückeroberung der serbischen Krajina 324 serbische Zivilisten getötet und 90.000 vertrieben. Am 5. August fiel die Hauptstadt der international nicht anerkannten "Serbischen Republik Krajina", Knin. (APA)