Das Buch "Der arabische Frühling" von Jörg Armbruster ist im Westend Verlag erscheinen. 

Foto: Westend Verlag

Als sich der Gemüse- und Blumenverkäufer Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Tunesien öffentlich anzündet, ist noch keineswegs absehbar welche Folgen dieser Selbstmord für die arabische Welt haben wird. Ob sich Bouazizi selbst verbrannte, um gegen die politischen Zustände im Land zu demonstrieren, oder ob er dies aus privaten Gründen tat, lässt sich aktuell nicht mehr sagen. Fest steht jedoch, dass der Selbstmord des jungen Tunesiers zum Symbol der Jasmin-Revolution in Tunesien wurde. Als Bouazizi am 4. Jänner nach Wochen im Koma verstirbt, ist die Revolution nicht mehr aufzuhalten. Zehn Tage später flieht Präsident Ben Ali mit seiner Frau und einigen Tonnen Gold nach Saudi Arabien. Die Tunesier haben sich ihres verhassten Diktators entledigt.

Wenige Tage nach dem Sturz Ben Alis kommt es auch im Nachbarland Ägypten zu Massenprotesten. In Algerien, Jordanien, dem Jemen, Bahrain, Kuwait, Saudi Arabien, Libyen, Marokko und Syrien gehen tausende Menschen auf die Straße. Die Jasmin-Revolution hat sich zum „arabische Frühling" ausgeweitet. Die Weltöffentlichkeit blickt gebannt auf die Ereignisse in Nordafrika und im Nahen Osten. TV-Kommentatoren berichten mit leuchtenden Augen von immer größeren Protesten. Junge DemonstrantInnen richten ihren Machthabern in perfektem Englisch via TV-Kameras aus, dass das Spiel nun zu Ende sei. Die Aufbruchsstimmung ist spürbar. 

Ähnlich begeistert klingt auch der ARD-Korrespondent Jörg Armbruster am 11. Februar in Kairo, als während einer Live-Schaltung auf den Straßen der ägyptischen Hauptstadt plötzlich Jubel ausbricht, weil sich Präsident Mubarak soeben in die Küstenstadt Scharm el-Sheikh abgesetzt hat.

In seinem soeben erscheinen Buch „Der arabische Frühling" beleuchtet Armbruster die Entwicklung der Revolutionen in der arabischen Welt. Der ARD-Korrespondent berichtete in den letzten Monaten live aus Kairo und später aus Tripolis, weshalb der Fokus des Buches vor allem auf Ägypten aber auch auf Libyen liegt.

Neben einem groben Überblick über die wichtigsten Ereignisse des letzten halben Jahres liefert der ehemalige Moderator des ARD-Weltspiegels Hintergrundinformationen zu den Ursachen der Revolutionen.
„Die arabischen Völker könnten ihre Anklageschriften untereinander austauschen. Sie lesen sich fast immer gleich: Korruption, Unterdrückung, Willkür, Günstlingswirtschaft, keine Perspektive für die Jugend, Arbeitslosigkeit, Teuerung."

Durch die Tätigkeit als Nahost-Korrespondent konnte Armbruster schon vor Ausbruch der Revolutionen gute Beziehungen zu einzelnen ÄgypterInnen aufbauen. In seinem Buch schildert der Autor Begegnungen mit diesen Menschen vor und nach der Ära Mubarak, um darzulegen, wie stark sich die ägyptische Gesellschaft in den letzten Monaten verändert hat. So beschreibt Armbruster beispielsweise zwei Treffen mit einigen Maturantinnen der Deutschen Schule in Kairo. Während sich die jungen Frauen aus wohlbehüteten Elternhäusern im Dezember 2010 noch völlig unpolitisch und desinteresiert zeigen, sind dieselben Schülerinnen zwei Monate später plötzlich Feuer und Flamme für die Revolution. Eine ganze Gesellschaft hat sich - laut Armbruster - von Lethargie und Hoffnungslosigkeit befreit, indem die Ägypter und die Bevölkerungen der anderen arabischen Länder sich nach Jahrzehnten der Unterdrückung gegen ihre Machthaber stellen.

Der ARD-Korrespondent lässt neben eigenen Einschätzungen aber auch ExpertInnen zu Wort kommen. Er zitiert Meinungsumfragen zur Lebenssituation in den arabischen Ländern und führt Ergebnisse wissenschaftlicher Studien an.

Ein spannendes Buch, das dazu beiträgt, die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten und in Nordafrika besser einordnen zu können. Armbruster liefert die Geschichten hinter den Revolutionen. Er gibt den Massen, die täglich gegen ihre Regime demonstrieren, ein Gesicht. Wer sich jedoch völlig neue Erkenntnisse erwartet, wird enttäuscht. Einzig die Zukunftsprognosen in den letzten Kapiteln zeigen unterschiedliche, teils neue Szenarien auf, die durchaus diskutierenswert sind. (elin, derStandard.at, 6. September 2011)