Ein kurzes Lächeln für die Fotografen: die sechs Endrundenteilnehmer Min Soo Hong, Sun-A Park, Alessandro Taverna, Anna Bulkina, Tatiana Chernichka und Antonii Baryschevski.

Foto: Gregor Khuen Belasi

 Juryvorsitzende Martha Argerich bescherte dem Tastenkrimi Starglanz, die jungen Teilnehmer ein beachtliches Niveau - auch wenn es keinen 1. Preis gab.

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Die Spannung ist den jungen Gesichtern anzumerken, während sie auf eine Entscheidung warten:eine Entscheidung von mehreren auf dem Weg zum Finale - und möglicherweise einem greifbar werdenden Sieg. Die Jury tagt, und sie lässt sich dafür weit mehr Zeit, als eigentlich anberaumt wurde.

Währenddessen geht das Rahmenprogramm des Busoni Wettbewerbs weiter;manche der Pianistinnen und Pianisten, die aus vieler Herren Länder nach Südtirol gepilgert sind, streifen durch die mittelalterlichen Straßen Bozens; was folgt, ist weiteres banges Warten auf Nachricht aus dem Besprechungszimmer im Conversatorio Claudio Monteverdi.

Dann endlich! Die Verlautbarung, wer die nächste Runde erreicht hat, ein kurzes Lächeln für die Fotografen, bevor die Erleichterung wohl wieder dem Gedanken weicht, wie es in der nächsten Etappe weitergeht. 236 Kandidaten hatten sich für die Vorauswahlen im Vorjahr in Stellung gebracht - ein neuer Rekord in der mehr als 60-jährigen Wettbewerbsgechichte.

Zwei Dutzend Pianisten wurden daraufhin eingeladen, sich Ende August und Anfang September einem mehrstufigen Auswahlverfahren zu unterziehen, zunächst solistisch, dann in zwei Durchgängen mit Orchester.

Dass in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein im asiatischen Raum intensiv auf klassische Musik gesetzt wird, spiegelte sich heuer mit größter Deutlichkeit bei den Teilnehmern der Endrunde wider: Ein Gros von ihnen kam aus Asien, davon wiederum etliche aus Südkorea. Daneben ritterten einige Mitteleuropäer, Vertreter der nach wie vor starken russischenSchule aus den ehemaligen Sowjetrepubliken sowie Talente aus Süd- und Nordamerika - letztere wiederum mit asiatischen Wurzeln - um die Gunst der prominent besetzten Jury.

Dass in diesem Spätsommer dasInteresse an diesem Tastenkrimi besonders groß war, lag nicht nur an der Bedeutung, die dem Wettbewerb schon durch seine Geschichte zukommt, sondern auch an den Preisrichtern. Zumal der Vorsitz der Jury von Martha Argerich übernommen wurde, die auch - gemeinsam mit Lilya Zilberstein, ebenfalls Jurymitglied - eines der Konzerte bestritt.

Argerich hat den Wettbewerb 1957 für sich entschieden, genauso wie Jörg Demus ein Jahr zuvor, Boris Bloch 1978 und Zilberstein 1987 - um nur einige wenige zu nennen, deren Erfolgsgeschichte (auch) beim Bozener Fingerkräftemessen wurzelt.

Aber auch bei den hinteren Rängen finden sich geläufige Namen: etwa Martin Stadtfeld, sechster Preisträger des Jahres 2001, der seither groß Karriere gemacht hat.

Handwerk und Esprit

An einem anderen Konzertabend wurde demonstriert, wie wenig man sich in Bozen auf das gängige Repertoire, das hier ohnehin immer durch den Visionär Busoni einen markanten Schwerpunkt besitzt, beschränken möchte:Nicht weniger als neun neue Kompositionen von Mark Andre über Beat Furrer bis Toshio Hosokawa stellte Nicolas Hodges - so etwas wie der Franz Liszt der zeitgenössischen Klaviermusik - vor, aus denen die Kandidaten eine Auswahl treffen zu hatten. Als sie die Stücke - allesamt Etüden oder Studien - dann neben Musik von Beethoven oder Schubert, Rachmaninow oder Liszt vortrugen, ereignete sich zum Teil Erstaunliches.

Denn manche davon wirkten in den jungen Händen gegenüber Hodges' über der Sache stehender Souveränität ungleich dringlicher, wenn die Herausforderung der zum Teil ungewohnten Klangwelten für die Nachwuchsmusiker spürbar wurde.

Auch beim pianistischen Kernrepertoire wurde eine enorme Bandbreite sichtbar:Handwerklich verfügten alle über das nötige Rüstzeug. Beseeltheit, Inspiration, Nervenstärke und Esprit differierten allerdings stark. Letztlich teilten sich Anna Bulkina aus Russland und Antonii Baryschevski aus der Ukraine einen zweiten Preis;die Russin Tatiana Chernichka erhielt den dritten, Min Soo Hong den vierten Preis.

Auch darüber darf sich der Südkoreaner freuen, zumal selbst jemand nachmalig so Prominenter wie Alfred Brendel beim ersten Wettbewerb im Jahr 1949 nur den vierten Platz belegt hatte. Seither hat er von seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber solchen Veranstaltungen kein Hehl gemacht. Auch wenn es auf die Preise keine Karrieregarantie gibt - eine nachdrückliche Empfehlung sind die Auszeichnungen mit dem klangvollen Namen Busoni allemal. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 6. September 2011)