"Haft ist keine Lösung", sagt Matthias Rohrer (links), "Jugendliche haben schon immer Grenzen ausgetestet", meint Anton Schmid (rechts).

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SchülerStandard: Politisches Statement oder reine Zerstörungswut? Was ist Ihrer Meinung nach die Hauptintention für die Aufstände der britischen Jugend?

Rohrer: Beides. Meiner Ansicht nach geht es der Jugend vor allem darum, ihre Enttäuschung aufzuzeigen, die tatsächliche politische Botschaft dieser Krawalle ist ihnen vermutlich selbst nicht ganz klar. Dazu kommt die Lust am Randalieren, die die jungen Leute zu illegalen Handlungen treibt.

Schmid: Es ist allerdings zu beachten, dass die Jugendteilnahme an den Protesten nur bei 21 Prozent liegt; auch viele junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren sind an den Krawallen beteiligt.

SchülerStandard: Was wären mögliche Präventionsmaßnahmen, um es in Österreich nicht so weit kommen zu lassen?

 Schmid:Es kommt nicht über Nacht zu einer derartigen Unzufriedenheit - das alles resultiert aus einem längerfristig defekten Gesamtsystem. Allein der Umgang der Institutionen mit dem Volk ist in Österreich grundsätzlich anders als in England. Bei uns kümmert sich ein Parkwächter um den Garagenplatz, in England erfüllt eine Kamera diesen Zweck.

SchülerStandard: Also ist es diese "anonyme Autorität", die manche Briten so wütend macht?

Schmid: Ja, das und viele andere Faktoren. In Wien gibt man den Jugendlichen einfach das Gefühl, dass auch sie das Recht haben, sich wohlzufühlen.

SchülerStandard: Was halten Sie von David Camerons angedrohtem Facebook- und Twitterverbot für potenzielle Straftäter ?

Rohrer: In einer Demokratie ist so etwas weder denkbar noch durchführbar.

SchülerStandard: Cameron befürwortet Gefängnisstrafen für Randalierer, bei dem Abhörskandal der "News of the World" hat er allerdings in puncto Strafen weniger hart durchgegriffen ...

Schmid: Cameron ist nur eine "kleine Figur" - die eigentlichen Fädenzieher sind die milliardenschweren Weltkonzerne, die in Londons Zentrum sitzen. Cameron geht es jetzt vorwiegend darum, das "eigene Leiberl" zu retten. Bei einem derartigen Verhalten fehlen der Jugend ein Vorbild und eine Motivation zur Verhaltensänderung, die immer auf Beziehungsarbeit basiert.

SchülerStandard: Sie beide scheinen der britischen Jugend gegenüber milde gestimmt zu sein. Was halten Sie also von Strafen: ja oder nein?

Rohrer: Es geht nicht darum, ob bestraft wird, sondern wie. Die Justiz reagiert meiner Meinung nach vollkommen überzogen auf diese Situation. Strafen, die die Perspektive der Jungen zusätzlich verschlechtern, wie eine Haftstrafe, sind keine gute Option und schon gar keine Lösung. Nach einem halbjährigen Gefängnisaufenthalt sind die jugendlichen Kriminellen keineswegs geläutert, sondern sehen ihre Zukunft vermutlich nur noch düsterer. Ein Rechtsstaat sollte stattdessen mit konsequenterer Erziehung und mehr Bildungmöglichkeiten auf die Vorfälle reagieren.

SchülerStandard: Was wäre Ihre erste Reaktion zu der Position Camerons?

Rohrer: Was mit Sicherheit nicht förderlich ist, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen, ist, die Angehörigen einiger Demonstranten aus ihren Sozialwohnungen zu werfen. Ein solcher Akt führt zwangsläufig dazu, dass die Notwendigkeit, ein Verbrechen zu begehen, noch zusätzlich wächst.

SchülerStandard: Ist Österreichs Jugend schlichtweg so unglaublich zufrieden, oder sind wir nur zu faul, um gegen Missstände aufzubegehren?

Schmid: Jugendlichen in Österreich geht es zurzeit schon noch deutlich besser als der Jugend in vielen anderen Ländern. Mit den für die Zukunft geplanten Pensionskürzungen wächst allerdings auch der Unmut bei den jungen Leuten, die sich der Unterstützung im Alter nicht mehr sicher sein können. Allerdings muss die Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Jugend geändert werden. Jugendliche haben immer schon Grenzen ausgetestet und auch überschritten, um sie kennenzulernen. (Anna Schnabl und Julia Höftberge, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2011)