Ein bis zwei profilierte türkische Gymnasien können ein gutes Zeichen sein, sagt Integrationsexperte Kenan Güngör. Für Kinder aus bildungsfernen Schichten sei es aber problematisch, wenn sie in so homogenen Gruppen aufwachsen.

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"Der Bürgermeister gibt dazu keine Interviews mehr und er versteht auch gar nicht, warum jetzt so viele Medien anrufen." Im Büro des Bürgermeisters von Rum ist man hörbar verärgert über die Aufregung rund um den verwehrten Antrag für ein privates türkisches Gymnasium. Bürgermeister Edgar Kopp (SPÖ) habe schon ausführlich erklärt, dass sich der zuständige Ausschuss gegen die Umwidmung eines Gebäudes entschieden hat, weil alle Mitglieder gegen ein Privatgymnasium im Ort sind.

So einfach ist es dann aber doch nicht. Dass es bei der Entscheidung nicht nur darum ging, dass die Schule privat organisiert sein soll, zeigt schon die Aussendung des Bürgermeisters, in der betont wird, dass Integration grundsätzlich dann gelinge, wenn "alle Schüler in einem Schulbereich untergebracht" sind. Die Tatsache, dass es sich um eine türkische Schule handelt, spielte bei der Entscheidung also anscheinend doch eine Rolle.

Grüne: "Keine gute Idee"

"Das Thema ist sehr komplex", sagt Gebi Mair, Grüner Landtagsabgeordneter in Tirol. Er sei zwar selbst für türkischen Muttersprachenunterricht und Türkisch als Fremdsprache an Schulen, aber die geplante türkische Privatschule hält auch er für "keine gute Idee". Es gäbe Gerüchte, dass die Schule von der "Gülen-Bewegung", den Anhänger des islamischen Geistlichen Fethullah Gülen, betrieben werden soll. Mair befürchtet daher "religiöse Erziehung per Videokassette" und eine zu starke Konzentration auf die Religion. Man brauche daher noch genauere Informationen darüber, wer die Schule betreiben will und was genau in der Schule unterrichtet werden soll, bevor man einer solchen Schule zustimmt oder sie ablehnt. Außerdem sei klarzustellen, ob die Schule ein Öffentlichkeitsrecht will und damit die staatlichen Lehrpläne übernehmen muss.

Bildungsaffin, aber konservativ

"Die Gülen-Bewegung ist im Bauen von Schulen, Kindergärten etc. sehr aktiv", sagt Integrationsexperte Kenan Güngör. Er selbst weiß aber nicht, welche Gruppe hinter der geplanten Schule steht. Der Idee eines türkisch- oder auch anderssprachigen Gymnasiums kann Güngör unter bestimmten Voraussetzungen durchaus etwas abgewinnen. "Grundsätzlich wäre es ein gutes Zeichen, wenn es ein bis zwei profilierte Gymnasien geben würde, die im Zeichen der Verständigung, Liberalität und Internationalität stehen und weltoffenen Nachwuchseliten ausbilden", so der kurdischstämmige Soziologe. Das Risiko sieht er eher darin, dass solche Modelle weit verbreitet sind oder starke religiöse, traditionelle oder nationalistische Färbungen bekommen.

"Während eine solche Schule bei bildungsaffinen Schichten durchaus funktionieren könnte, ist es bei bildungsschwachen Gruppen und Milieus eher problematisch, wenn sie in einer so homogenen Gruppe aufwachsen", sagt Güngör. Die Kinder seien dann sehr früh in nur einer ethnischen Gruppe und würden nicht mit anderen Kindern gemeinsam sozialisiert, sondern exkludiert. "Doch gerade multikulturelle Gesellschaften brauchen viele Orte gemeinsamer Sozialisation und des Miteinandervertrautwerdens." Die Gefahr sei auch, dass die Religion im gesamten Unterricht dominant wird und die Schüler zu stark "imprägniert". Es sei wichtig, dass sich die Kinder frei entwickeln können.

Besserer Religions- und Türkischunterricht

Der Obmann des Kulturverein der türkisch islamischen Gemeinschaft in Tirol teilt diese Bedenken nicht. Murat Kamiloglu befürwortet das Projekt einer türkischen Privatschule. "Der Islam ist die zweitgrößte Religion in Österreich. Ich verstehe nicht, warum es so ein Gymnasium nicht geben sollte", sagt er. Schließlich gebe es in der Türkei auch österreichische Schulen. Natürlich sei es wichtig, dass die Kinder deutsch sprechen, aber "unsere Kinder müssen auch türkisch lernen, damit sie deutsch sprechen können", erklärt Kamiloglu. Der Türkischunterricht an den öffentlichen Schulen sei "nicht gut" und auch mit dem islamischen Religionsunterricht ist Kamiloglu nicht zufrieden. "Für uns ist die türkische Sprache und die Religion sehr wichtig", sagt er. Kamiloglu stimmt aber zu, dass Reformen an der öffentlichen Schule, die einen besseren Religionsunterricht und mehr muttersprachlichen Unterricht bringen würden, auch ausreichen würden. 

Selbstbewusst statt Sonderling

Integrationsexperte Güngör kann verstehen, dass türkische Eltern ihre Kinder in ein Privatgymnasium geben wollen. "Ich habe schon öfter gehört, dass ihre Kinder im Gymnasium wie Sonderlinge behandelt werden", erzählt er. "Die Eltern wollen aber, dass ihre Kinder selbstbewusst, selbstverständlich und nicht als Sonderfälle aufwachsen."

Wer tatsächlich hinter der Initiative steckt, ist derzeit noch unklar. In mehreren Medienberichten hieß es, dass es sich um Unternehmer handelt. Der Sprecher der Initiatoren des Privatgymnasiums ist derzeit im Ausland und nicht erreichbar. Auch der Obmann des türkischen Kulturvereins kennt die Initiatoren nach eigenen Angaben nicht. Der Bürgermeister teilt derStandard.at auf Nachfrage mit, dass er weder Informationen über die Initiatoren, noch über die genaue Organisationsform der Schule bekommen hat.

Der FPÖ-Gemeinderat in Rum, Jürgen Mayer, ist gegen das türkische Privatgymnasium. Er sitze zwar selbst nicht im zuständigen Ausschuss, habe aber mit den anderen Gemeinderäten über das Thema gesprochen. Auch seine Kollegen von der SPÖ hätten gesagt, dass eine solche Schule "integrationsfeindlich" wäre. Er befürchtet, dass eine solche Schule ein "Hort aus dem türkischen Lager" werde und sich eine Parallelgesellschaft entwickelt. Zudem fehlten noch Informationen zu dem Projekt, dass noch nicht "ausgegoren" sei, so Mayer.

Nicht "blauäugig" sein

Güngör sieht in der Debatte rund um das türkische Privatgymnasium ein Zeichen dafür, dass in Österreich Türken zunehmend zu einer "stigmatisierten Gruppe" werden. Sobald diese Gruppe sichtbar werde - also entweder durch Moscheen, Vereine oder Schulen - gebe es massive Vorbehalte seitens großer Teile der Bevölkerung. Er hält den Umgang der Behörden mit islamischen Einrichtungen und sehr religiös-konservative Bewegungen für falsch und rät deshalb, dass die Behörden mit weniger Ressentiments behaftet agieren und aber trotzdem nicht "blauäugig" sind und sich türkische Schulen auch "genauer anschauen" sollen. (Lisa Aigner, derStandard.at, 8.9.2011)