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Griff nach Daten und fing sich Kritik ein: Wikileaks-Gründer Julian Assange.

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George Freeman, Vizepräsident der "New York Times".

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STANDARD: Nach dem Datenleck drosch Wikileaks auf die "New York Times" ein: Sie sei senil und böse. Spricht da der Zorn der Verzweiflung?

Freeman: Wikileaks war nicht sehr glücklich mit einem Porträt in der "Times" über Julian Assange vor einem Jahr. Dadurch war unser Verhältnis beeinträchtigt. Auslöser für diese Reaktion war dann ein Bericht über die ungeschwärzten US-Dokumente. Wir kritisierten, dass Wikileaks sich nicht um die Gefahr für die Informanten kümmert. Ich kann mir vorstellen, dass sie den Text nicht mochten.

STANDARD: Die "New York Times" habe ihren Weitblick verloren, sagt Wikileaks - und überhaupt: Sie sei nicht mehr, was sie einmal war.

Freeman: Wikileaks ist einfach enttäuscht, weil sie meinen, dass alle Informationen ungefiltert veröffentlicht werden hätte müssen. Das ist ihre Bestimmung, und sie denken, die New York Times habe sich ebenso zu verhalten. Natürlich sind wir für die Veröffentlichung, aber ohne das Leben einzelner Menschen oder Länder zu gefährden.

STANDARD: Ist das System Wikileaks mit der Datenpanne am Ende?

Freeman: Es zeigt sich, dass Verantwortungsbewusstsein kein Fehler ist. Wir hätten wohl kaum die Geschichten veröffentlichen können, wenn wir mit unseren Quellen unverantwortlich umgegangen wären.

STANDARD: Als Konkurrent für Qualitätszeitungen hat sich das Thema so erübrigt?

Freeman: Schwer zu sagen. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Wikileaks die Öffentlichkeit über gedruckte Zeitungen wie Guardian und New York Times suchte. Ihnen war klar, dass der Weg über die großen Medien ihnen zu mehr Einfluss verschaffen würde.

STANDARD: In Wien reden Sie über die heikle Balance zwischen Presse und Regierung.

Freeman: Das hat damit zu tun. Teil der Balance ist eine verantwortungsvolle Presse. Letztlich haben Medien die Macht zu entscheiden, was sie publizieren. Der Staat hat sich komplett fernzuhalten.

STANDARD: Wie geht die "Times" mit Regierungsinseraten um?

Freeman: Bei uns ist das kein Thema. Wir schalten Inserate von Regierung und Firmen getrennt von unserer Berichterstattung.

STANDARD: Sich mit Großaufträgen positive Berichte zu erkaufen?

Freeman: Das wäre der Anfang vom Ende der Idee eines unabhängigen Journalismus. Das wäre bei uns wirklich undenkbar, und ich hoffe, es wird nie passieren. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 8.9.2011)