Neo-Medientechnikerin Melissa (re.) war durch falsche Schulwahl ins Out geraten. Jetzt arbeitet sie bei einer Filmproduktionsfirma:ein Vorzeigefall für Vizebürgermeisterin Renate Brauner (li.).

Foto: Der Standard/Hendrich

Wien - Melissa macht sich keine Illusionen: "Mit meinem extravaganten Stil habe ich die Lehrer verschreckt, darum haben sie es mir nicht gerade leicht gemacht" , sagt sie in schönstem Burgtheater-Deutsch und mit der ganzen Lebenserfahrung ihrer 18 Jahre. Die hätten sie nach der Gleichung "Rote Haare ist gleich schlecht in der Schule" behandelt - und so war es ja dann auch. Nach ihrem ersten Jahr in der HTL Spengergasse, Klasse Textil, schied sie mit einem katastrophalen Zeugnis aus. Warum sie in dieser Klasse überhaupt gelandet war, ist ihr ein Rätsel. Denn eigentlich, sagt sie, habe sie immer gewusst: "Ich will Medientechnik machen."

Dass Melissa nun doch so etwas wie ein Vorzeige-Teenager für die Wiener Arbeitsmarktpolitik wurde, habe sie sich selbst, ihren Eltern und der "Ausbildungsgarantie" der Stadt Wien zu verdanken, sagt sie. Mutter und Vater motivierten sie immer wieder, obwohl es ihr nicht gut ging: "Ich hab mich jeden Morgen gefragt, wozu ich aufstehen soll. Alle anderen hatten etwas zu tun, doch ich bin nur mehr auf der Couch gelegen."

Die Ausbildungsgarantie der Stadt verpflichtet das Arbeitsmarktservice (AMS), junge Leute wie Melissa nicht aufzugeben und immer wieder Angebote zu machen. So absolvierte sie Kurs um Kurs, bis sie in einem Programm namens "Mädchen in die Technik", MIT, landete. Und von dort kam sie in eine überbetriebliche Ausbildungsstätte mit dem altmodischen Namen "Jugend am Werk", die ihr, gar nicht altmodisch, genau die Ausbildung bot, die sie sich gewünscht hatte: Grafik, Webdesign, Druck, Audio- und Videoschnitt.

Von da an lief es für Melissa gut: Sie wurde Klassenbeste, absolvierte mit Eifer Schnuppertage bei Betrieben und wurde dabei von ihrer jetzigen Chefin "entdeckt" . Heute hat sie ihre Lehre abgeschlossen, arbeitet in einer Filmproduktionsfirma und hat rein gar nichts dagegen, dass die Wiener Wirtschaftsstadträtin und Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SP) sie zum Standard-Gespräch dazubat. Denn Brauner sieht in Melissa den Beweis, dass ihre Arbeitsmarktpolitik trotz aller Kritik der Opposition richtig ist.

Die hat sich seit kurzem verstärkt, und der Grund dafür ist eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), die der Stadt bescheinigt, dass sie ein Problem hat: Immer mehr schlecht qualifizierte Jugendliche, auch aus den Bundesländern, leben in Wien. Sie finden keinen Job, und ihre Ausbildungsdefizite könnten dazu führen, dass Wien an Wettbewerbsfähigkeit verliert (der Standard berichtete). Studienkoordinator Peter Mayerhofer warnte vor allem, dass der Anteil der "early school leavers" bei steigender Tendenz höher liege als im Durchschnitt von EU-Großstädten und -Regionen.

Im Gegensatz zu VP und FP sieht Brauner jedoch ihre Wirtschaftspolitik nicht als "gescheitert" an und feuert zurück. Gerade in den letzten Tagen habe sie viel an die "politischen Skandale von Schwarz-Blau" denken müssen - die Abschaffung der Lehrlingsstiftungen sei einer der größten gewesen: "Nicht zuletzt in dieser Studie sehen wir die Folgen."

Umso wichtiger sei die Ausbildungsgarantie der Stadt, und mehr noch, sagt Brauner: Derzeit werde ein eigener Qualifikationsplan ausgearbeitet, damit Jugendliche auch Berufe mit den besten Jobchancen ergreifen - etwa im Gesundheits- oder Kommunikationsbereich. Ein weiterer Schritt: Ab 2012 startet der Wiener Arbeitnehmerförderungsfonds Waff ein Förderprogramm, mit dem vor allem formale Schulabschlüsse nachgeholt werden können.

"Ökonomischer Unsinn"

In die überbetriebliche Ausbildung von Jugendlichen investiert die Stadt jährlich 13 Millionen Euro, seit 2008 haben 4500 Jugendliche auf diese Weise eine Ausbildung von der Stadt bekommen. Im Herbst sollen 1000 weitere in Lehrberufe starten.

Aber, so Brauner: "Es kann nicht sein, dass sich ein Teil der Wirtschaft drückt." Es gebe in Österreich keine Lehrstelle, die nicht gefördert sei. Angesichts der prolongierten Wirtschaftskrise sei es Zeit umzudenken, fordert Brauner und regt einmal mehr die Schaffung eines Lehrlingsausbildungsfonds an, in den alle Wiener Betriebe einzahlen sollten. Denn: "Es wäre ökonomischer Unsinn, wenn man Talente wie jenes von Melissa nicht fördern würde."

Im Übrigen, ergänzt diese, sei es "ein Vorurteil, dass in ,Jugend am Werk‘ nur junge Menschen sind, die eh nichts wollen und eh nichts können." In ihrer Klasse hätten die meisten sehr wohl Antrieb und klare Vorstellungen gehabt. Brauner sagt, die Ausbildungsgarantie der Stadt sei in Wahrheit ein "Frühwarnsystem", damit Jugendliche "nicht irgendwo zwischen Schulabbruch und Herumhängen im Park verlorengehen". Das System der "Job-Coaches", die in die Schule gehen und junge Leute dort aktiv beraten, das Sozialminister Rudolf Hundstorfer kürzlich eingeführt hat, sei "in Wien erfunden worden" .

"Veraltetes" Schulsystem

Auf einem anderen Gebiet hält sich die Wiener Begeisterung für den Bund freilich in Grenzen: "Vieles, was heute in Schulen passiert, kommt mir immer noch vor wie zu meiner Zeit", sagt Brauner. Das Schulsystem sei hoffnungslos veraltet. Immer noch gingen Lehrer - wie in Melissas Fall - viel zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler ein, "und außerdem ist das System defizitorientiert, statt Stärken zu fördern" .

Wohin das führe, sehe man nicht zuletzt an der relativ niedrigen Zahl der Hochschulabgänger: Laut Wifo verfügen nur 26,5 Prozent der Wiener Erwerbstätigen über einen Hochschulabschluss - in Brüssel, London und Paris liegt deren Anteil bei jenseits der 40 Prozent. (Petra Stuiber, DER STANDARD; Printausgabe, 8.9.2011)