Wien - Tatrekonstruktionen können tückisch sein. Vor allem, wenn sie nicht so laufen wie erhofft. Eine Erfahrung, die Mittwochvormittag Herbert M. und sein Verteidiger am Wiener Straflandesgericht machen mussten. Durch die Nachstellung im Saal 203 soll demonstriert werden, dass M. seinen Bekannten Sergius P. im Juni 2010 nicht aktiv erschossen hat, sondern es mehr oder weniger ein Unfall war.

Die wirklichkeitsnahe Wiederholung wird durch einige nicht unwesentliche Faktoren erschwert. "Wir haben nicht das Original-Sofa, wir haben nicht die Waffe und wir haben nicht das Opfer" , stellt die Vorsitzende Sonja Weis lapidar fest. Also hat die Verteidigung einen ziemlich tiefgelegten Stuhl organisiert, auf dem ein Rechtspraktikant das Opfer mimt. Es wird um Zentimeter gefeilscht: Aus M.s Sicht geht es darum, dass das Opfer möglichst tief sitzt, damit seine Version hält.

Drei Schüsse als Unfall

Die Version: P. habe ihm eine Pistole an die Schläfe gehalten, sei von einem Geräusch abgelenkt worden, und dann habe er, M., die Waffe so weggedrückt, dass P. von zwei Kugeln in den Kopf getroffen wurde und ein drittes Projektil im Boden einschlug. Armin Zotter, Sachverständiger für Schusswaffen, steuert das wesentliche Requisit bei: die Pistole mit Gelblauf. Eine reale Schusswaffe, allerdings ist der Lauf ein gelbes Kunststoffrohr. Die hält der Opferdarsteller in der rechten Hand und drückt sie auf den Kopf des links neben ihm sitzenden Angeklagten.

Beim ersten Versuch gelingt es M. zwar, die Waffe Richtung Kopf des Gegners zu drehen. Aber es löst sich kein (fiktiver) Schuss. Beim zweiten Versuch löst sich weder ein Schuss, noch zeigt die Waffe auf die Stirn des Opfers. Der dritte Versuch bringt einen Schuss, beim vierten wiederum zeigt die Waffe auf den Hals des Rechtspraktikanten, eine Kugel hätte ihn nicht in den Kopf getroffen. Dass nur eine von vier Übungen in seinem Sinn gelungen ist, stimmt M. eher unfroh.

Wenig Erhellendes konnte der medizinische Sachverständige beitragen. Connaisseure des Makaberen haben zwar an Schilderungen von terrassenartigen Sägespuren und Lungenauspresssäften ihre Freude - wie P. starb, kann er aber nicht sagen. Denn der Schädel der von M. zerstückelten Leiche blieb in der Donau. Sicher sei aber eines:Wenn die erste Kugel P. so getroffen hat, wie M. behauptet, war er sofort tot und konnte keine Schüsse abgeben.

Nach längeren Beratungen fällten die Geschworenen am Abend ihr Urteil: lebenslang. Der Beschuldigte meldete Berufung an, das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2011)