Mustafa Ücözler (36) ging nach der Matura in die USA, studierte dort Volkswirtschaft und Sinologie, arbeitete als Programmierer und begann ein Monat vor dem 11. September als Börsenhändler bei Morgan Stanley im Süd-Turm des WTC. Einige Jahre später stieg der türkischstämmige Deutsche aus der Finanzbranche aus, heute züchtet er Ziershrimps in San Diego. Ücözler hat seit zehn Jahren nicht öffentlich über seine Flucht aus dem WTC gesprochen. Dem deutsche History/Biography Channel stand er heuer für die Doku-Reihe "Ich überlebte" zur Verfügung. Der Standard traf ihn in New York.

Foto: History/Biography Channel

Mustafa Ücözler war am 11. September 2001 Banker bei Morgan Stanley im World Trade Center in Manhattan. Der Deutsch-Türke schaffte es mit Müh und Not, lebend aus dem 72. Stock des Südturm zu entkommen. Nach Jahren des Schweigens berichtet er von seinen Schuldgefühlen, von seinem neuen Leben nach der Attacke und darüber, wie ausgerechnet er auf Terrorverdächtigen-Liste der Amerikaner gelandet ist. Christoph Prantner hat ihn in New York getroffen.

STANDARD: Wie hat Ihr Tag am 11. September 2001 begonnen?

Ücözler: Ich schlafe gerne lang und hab‘ an diesem Morgen nicht gefrühstückt. Auf dem Weg zur Subway habe ich mir einen Bagel geholt und bin dann zum World Trade Center gefahren. Man steigt an der Fulton Street aus, ab da muss man noch ein bisschen gehen. Es war sehr sonnig, ich habe mich gefreut und wirklich toll gefühlt an dem Tag. Um 8 Uhr kam ich im Büro im Südturm an. Dann Kaffee, ein bisschen mit den Kollegen über den Arbeitstag plaudern, die Kurse ansehen. So fing dieser Tag an.

STANDARD: Dann gab es eine Explosion, wusste man da schon, was geschehen war?

Ücözler: Ich war im Raum vor den Aufzügen. Es muss so kurz nach 8.30 gewesen sein. Auf einmal sehe ich durch eine Glastüre, wie Leute herumrennen. Es sah so aus als würde einer den anderen jagen. Da hab' ich mir gedacht: Was soll das denn? Das kann man doch hier im Büro nicht machen. Dann sah ich immer mehr Menschen, die zu laufen begannen und sich umschauten. Ich öffnete die Glastür und der Manager schrie: Leute, rennt die Treppen runter! Schneller, schneller! Ich: Wieso? Er: Es gab einen Feuerball draußen, eine Explosion. Explosion? Das erwartet man natürlich nicht an einem normalen Arbeitstag, man macht dies und das, und eine Explosion gehört nicht dazu. Ich war geschockt, bin dann aber den Anweisungen gefolgt und hinunter gegangen. Im Treppenhaus wurde mir dann gesagt, was passiert ist. Dann kamen die ersten Telefonate. Familienangehörige haben angerufen und gesagt, dass ein Flugzeug ins andere Gebäude, das World Trade Center 1, geflogen ist.

STANDARD: Dachten sie da schon an einen Terroranschlag?

Ücözler: Nein. Wir dachten, das muss ein Unfall gewesen sein, ein kleines Flugzeug, vielleicht ein Hubschrauber oder so etwas Ähnliches. Dann sind wir ganz normal runtergegangen, nicht gerannt. Es gab einige Leute, die 1993 beim ersten Bombenanschlag dabeigewesen waren, bei denen sah man Stress im Gesicht. Aber die anderen, für die war das einfach nur eine Evakuierung, die uns nicht betraf.

STANDARD: In welchem Stock waren Sie da etwa?

Ücözler: Im 72. Stock. Wie sich herausgestellt hat, ist das Flugzeug, das nachher in unser Gebäude geflogen ist, direkt in die 70er Stockwerke reingeflogen. Der Rumpf des Flugzeugs ist in die 80er gekracht, die Flügel sind in die 90er und 70er reingeflogen.

STANDARD: Dann haben sich die Menschen im 43. Stock auf einer Plattform versammelt.

Ücözler: Ja. Wir sind hinuntergegangen, das hat 20 Minuten bis ca. eine halbe Stunde gedauert. Auf einmal ging es raus, in den 43. Stock auf diese Ebene. Da blieben wir stehen, weil die Treppenhäuser bis ganz nach unten verschlossen waren. Die Sicherheitskräfte sagten: Bleibt, wo ihr seid und wartet auf weitere Anweisungen. Dort gab es auch einen Bildschirm, CNN war drauf. Wir wussten in diesem Moment nicht, was passiert war, es gab ja nur Vermutungen. Viele Leute blieben stehen, um sich zu informieren, und gingen auch deswegen nicht weiter. Nachdem die Ansage kam, dass das Gebäude sicher war, sind einige wieder hinauf gegangen. Dann schlug das zweite Flugzeug ein. In dem Moment wussten wir nicht, dass das ein Flugzeug war, es war einfach nur eine Explosion. Eine meiner Vermutungen war, dass es vielleicht eine Gasexplosion gegeben hat oder dass ein Teil des anderen Gebäudes in unseres reingestürzt ist. Man stellt sich in dem Moment nicht vor, dass da zwei Flugzeuge in die Gebäude reinfliegen.

STANDARD: Habt ihr denn von eurem Standpunkt aus den zweiten Feuerball gesehen?

Ücözler: Ich konnte den Feuerball im Gebäude sogar draußen sehen und den Rauch. Deswegen dachte ich, dass die Explosion direkt im 43. Stock passiert sei.

STANDARD: Das muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein.

Ücözler: Ja, wie eine Bombenexplosion. Und danach hat das Gebäude gequietscht. Ohne Ende. Da denkt man sich, jetzt ist es vorbei. Gequietsche, Explosion, Gebäude schwingt herum, Gequietsche – da denkt man sich, das Haus wird jetzt umstürzen. Oder wenigstens die Etage, auf der man ist.

STANDARD: Was haben Sie dann gemacht?

Ücözler: Ich bin einfach vom Explosionsort weggelaufen. Da war eine Rolltreppe, die bin ich hinaufgerannt. Runter ging es nicht. Hab' nicht nachgedacht. Man ist so geschockt, dass man auch blöde Sachen macht. Ich hatte Kaffee in der Hand und irgendein Buch. Die hab' ich nicht weggeworfen, als die Explosion passiert ist. Die hatte ich immer noch in der Hand, als ich losrannte. Man ist so geschockt, dass man zur gleichen Zeit denkt: Ich sterbe jetzt, aber den Kaffee möchte ich trotzdem nicht wegstellen. Das ist komisch, aber so reagiert man einfach.

STANDARD: Wer hat Ihnen dann den Weg nach unten gezeigt?

Ücözler: Eine Kollegin rannte mir nach. Überall war Rauch. Sie schrie: Wo gehst du denn hin? Komm runter, komm runter! Ein paar Mal, dann bin ich aufgewacht aus diesem Schockzustand, hab‘ meinen Kaffee hingestellt und bin runtergegangen.

STANDARD: Gegangen?

Ücözler: Gegangen, nicht gerannt. Denn in dem Moment hat das Gebäude aufgehört zu schwingen. Ich dachte mir, jetzt muss die Gefahr vorbei sein.

STANDARD: Es gab keine Panik unter den Menschen?

Ücözler: Komischerweise waren die meisten Leute o.k.. Nicht in dem Sinne, dass die sich wohl gefühlt hätten. Aber das Schwanken war vorbei, man dachte sich: Ich habe überlebt, was kann denn jetzt schon noch passieren. Wenn wir jetzt gewusst hätten, dass ein Flugzeug reingeflogen ist, dann hätten wir wahrscheinlich sehr viel anders reagiert. Wenn wir gewusst hätten, dass 10 Minuten später das Gebäude umfallen wird, ebenso. Aber in dem Moment hatten wir keine Ahnung, und deswegen waren wir auch so künstlich ruhig. Es gab vielleicht ein oder zwei Leute, die wirklich gelaufen sind. Aber die meisten waren ruhig. Einige weinten, die wurden von anderen getröstet.

STANDARD: Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie ganz unten waren?

Ücözler: Etwa eine halbe Stunde.

STANDARD: Das war nicht sehr schnell, oder?

Ücözler: Nein, man konnte auch nicht so schnell hinuntergehen, denn die Hitze war wirklich erdrückend. Niemand hat wirklich dran gedacht, dass da irgendwo ein Feuer ist. Man dachte, vielleicht funktioniert die Klimaanlage nicht oder man ist so gestresst, dass man schwitzt. Aber in dem Moment überlegt man sich nicht viel. Ich war wahrscheinlich noch unter Schock, nicht so sehr wie vorher, aber man kann dennoch keine normalen Gedanken fassen.

STANDARD: Als Sie dann endlich unten waren, was haben Sie dann gemacht?

Ücözler: Wir haben uns umgedreht. Ich habe mir das erste Gebäude angesehen, das erste Loch kannte ich ja schon von CNN, und dann unseren Turm. Da sah ich auch ein Loch und Feuer drinnen. Und das hat mich überrascht, denn meine Theorie war eine Gasexplosion. Dann hab ich zu meiner Kollegin dann gesagt, schau mal, da ist ein Loch. Und es brennt. Was glaubst du denn ist da passiert? Weiß ich nicht, sagte sie. Und ich: Ich hab‘ noch meine Tasche dort, meine Anzugjacke und das Telefon ist auch noch oben. Glaubst du, wir können da irgendwann mal wieder rein? Unsere Sachen abholen? Das waren die ersten Gedanken. Das Komische für mich war, dass einige Leute die rausgegangen sind, sofort ihre Kameras rausgeholt und Fotos geschossen haben. Die sind vor fünf Minuten noch um ihr Leben gelaufen und jetzt wollen sie Fotos schießen von der ganzen Sache? Das war für mich unverständlich. Dann wollte ich wieder rein, um den Leuten zu helfen. Auf dem Weg nach unten habe ich auch ältere Leute gesehen, die zusammengebrochen waren wegen der Hitze. Die waren viel langsamer als die anderen. Ich wollte einfach helfen, aber meine Kollegin sagte: Komm‘, lass‘ uns wieder rausgehen. Ich glaube, ihr war bewusster in dem Moment, dass da eine Gefahr besteht. Eine größere Gefahr, als von mir angenommen.

STANDARD: Haben Sie realisiert, dass Menschen aus den Fenstern springen?

Ücözler: Man möchte diese Sachen verdrängen. Man möchte ja nicht ... der erste Gedanke war: Gebäudestücke. Ja, das müssen Gebäudestücke sein. Und dann denkt man sich: Die Explosion ist vorbei, was fällt da jetzt runter? Man realisiert, dass Leute noch dort oben sind. Man will in dem Moment wirklich nicht darüber nachdenken, dass das wirklich Menschen sind. Es klang wie Bomben, und es ist ... man fühlt sich in die Leute hinein und das möchte man nicht. Man will ja überleben, man will ja klar denken, man möchte nicht zusammenbrechen in diesem Moment. Ich wollte nicht akzeptieren, dass das Menschen sind.

STANDARD: Haben Sie Schreie gehört?

Ücözler: Nein, das passierte wirklich sehr schnell. Es machte einfach nur bumm, bumm, bumm. Alle paar Sekunden. Schreie hörte man nicht. Einige haben mit Sicherheit geschrien, aber unten konnte man das nicht hören.

STANDARD: Haben Sie an Ihre Kollegen gedacht, die noch im 72. Stock waren?

Ücözler: Ja, sicher. Ich dachte, dass die meisten noch oben sind. Und eine Woche lang glaubte ich überhaupt, dass die meisten tot sind. Wir wurden ja nicht benachrichtigt. Eine Woche lang hat Morgan Stanley uns nicht kontaktiert. Es gab zwar im Fernsehen immer diese Nummern, bei denen man melden konnte, dass man überlebt hat. Aber eine Woche lang haben die nicht zurückgerufen. Dann kam der Anruf. Wir hatten ein neues Büro am Madison Square Garden, dort habe ich die meisten Leute wieder gesehen. Nur zwei sind gestorben.

STANDARD: Wie war dieser erste Tag im Büro nach dem Angriff?

Ücözler: Sehr emotional. Man kam durch die Tür, hat sich umarmt, begrüßt, Geschichten erzählt, wie man entkommen ist. Und dann hat man versucht zu arbeiten. Es war nicht leicht, denn andauernd gab es Bombendrohungen. Sogar am ersten Tag. Das Büro voll mit Leuten, die diesen Attacken entkommen sind, und auf einmal gibt es Bombendrohungen und der Alarm geht los. Die Kollegen waren immer noch sehr verstört und Bombendrohungen waren nicht das, was wir am ersten Tag erwartet haben.

STANDARD: Das heißt, Sie haben dann bereits wieder an der Börse gehandelt?

Ücözler: Ja. Die Firma hat dann Psychologen bereitgestellt, die Kollegen beraten haben. Ich bin nicht hingegangen. Ich dachte, das will ich selber bewältigen. Aber die meisten Leute haben sich mit den Psychologen unterhalten.

STANDARD: Haben Sie privat über ihre Erlebnisse gesprochen?

Ücözler: Ich hatte kein Problem, die Geschichte zu erzählen. Für mich macht es keinen Sinn, sie nicht zu erzählen. Das war auch ein bisschen therapeutisch für mich, man will diese Sachen ja nicht für sich selber behalten. Wenn man diese Geschichten erzählt, kommt das alles raus. Man weint vielleicht, aber das hilft einem, diesen Stress zu bewältigen.

STANDARD: Viele Menschen haben nach solchen Ereignissen Schuldgefühle. Bekamen Sie die auch?

Ücözler: Ja, sofort. Ich konnte nichts dafür, dass diese Menschen gestorben sind. Aber man denkt: Wieso habe ich überlebt? Wieso bin ich nicht wieder zurückgegangen und hab‘ den Leuten geholfen? Es macht eigentlich keinen Sinn, sich schuldig zu fühlen, aber so fühlt man sich eben.

STANDARD: Viele Überlebende mussten mit einem posttraumatischen Stresssyndrom kämpfen.

Ücözler: Bei mir war es war sofort da. Ich habe Albträume gehabt. Jedes Mal wenn ich ein lautes Geräusch gehört habe, hab‘ ich mich sofort umgedreht. Auto, Lastwagen, Zug oder einfach nur Baulärm. Da habe ich sofort Angst bekommen, dass irgendetwas passiert ist. Das ging etwa ein Jahr so. Dann haben die Albträume aufgehört und das Herumschauen. Aber ich hab' mich wirklich bewusst bemüht, dieses Stresssyndrom zu bewältigen. Andere haben das immer noch. Vielen bleibt das ihr ganzes Leben lang.

STANDARD: Nach den Anschlägen gab es eine Rachestimmung in der Stadt. Was haben Sie damals empfunden?

Ücözler: Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Ich kann keine Rachegefühle haben, wenn ich nicht weiß, wer für solche Sachen verantwortlich ist. Aber so dachten meine Kollegen nicht, die meisten jedenfalls. Als die gehört haben, dass es gegen Afghanistan geht, wollten sie es denen zeigen. Ja, aber wem denn? Aber man konnte damals keine andere Meinung vertreten, weil man dann als unpatriotisch abgestempelt wurde. Das gefiel mir überhaupt nicht.

STANDARD: Sie haben die Stimmung in Amerika politisch als unangenehm empfunden?

Ücözler: Sehr unangenehm. Die Menschen haben sich nicht getraut, zu fragen, wer denn wirklich für die Anschläge verantwortlich ist. Wissen wir, dass diese Leute wirklich dahinter stecken? Was machen wir eigentlich jetzt in Afghanistan? Wenn man sowas gefragt hat, auch als Politiker, dann war man unamerikanisch.

STANDARD: Waren Sie persönlichen Angriffe ausgesetzt?

Ücözler: Nein, ich trage ja auch keinen Turban. Ich könnte jüdisch sein, Italiener oder Spanier. Aber in den Jahren danach haben sie mich jedes Mal, wenn ich nach Deutschland geflogen bin oder irgendeinen internationalen Flug hatte, am Airport befragt und durchsucht. Jedes Mal. Dann hat sich herausgestellt, dass ich auf einer Terroristenliste stand. Ich habe 9/11 überlebt, und dann komm‘ ich auf so eine Terrorliste. Toll, oder?

STANDARD: Wie ist das passiert?

Ücözler: Das will man mir nicht sagen. Das letzte Mal war ich im April in Deutschland. Als ich zurückkam, haben sie mich wieder herausgeholt. Das ist nicht nur eine normale Befragung, sie holen einen aus der Schlange und man wird in einem Hinterzimmer verhört. Was ist Ihre Religionszugehörigkeit? Ich habe eigentlich gar keine Religion, das hat die bei einem mit dem Namen Mustafa ein bisschen überrascht. Was haben Sie in Deutschland gemacht? Wieso haben Sie nicht die US-Staatsbürgerschaft? Sie sind schon seit 15 Jahren hier, wieso haben sie die US-Staatsbürgerschaft nicht? Hatte keine Zeit, die zu beantragen. Ja, müssen sie aber haben. Solche Sachen. Ich hab' mir überlegt, ob ich nicht dem Präsidenten mal schreiben soll: Schaut mal, Jungs, ihr habt jetzt den Bin Laden. Lasst mich doch in Ruhe. Ich habe damit nichts zu tun.

STANDARD: Für viele Amerikaner war das ein großer Triumph, die Leute haben Bin Ladens Tod gefeiert. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ücözler: Für mich hat das nichts bedeutet. Es ist ja nicht Bin Laden, der wirklich hinter diesen Terroranschlägen steckt. Es ist die Einstellung der Leute. Die kann man nicht umbringen, wenn man einen Führer umbringt. Und zeigt man den jungen Leuten in Pakistan oder Afghanistan, dass man ein besserer Mensch ist, wenn man hergeht und jemanden ermordet, weil der andere Leute ermordet hat? Das macht keinen Sinn für mich. Aber solche Sachen kann man natürlich nicht laut sagen.

STANDARD: Also keine Rachegefühle?

Ücözler: Ich war nicht frei davon, aber ich bin nicht irrational. Ich möchte erst wissen wer dafür verantwortlich ist. Hier will man jemanden sofort umbringen. Aber rational denken, damit haben es die Leute hier nicht so. Die wollen einfach handeln, und das ist ein Problem für mich.

STANDARD: Wie hat sich Amerika verändert in den letzten zehn Jahren seit 9/11?

Ücözler: Heute kann man ohne überwältigende Emotionen über 9/11 reden. Man kann fragen: War das wirklich eine gute Sache, dass wir gleich nach Afghanistan gegangen sind? Und was ist mit dem Irak? Die hatten ja nichts damit zu tun. Jetzt kann man darüber reden, insofern hat es sich ein wenig verbessert.

STANDARD: Sind die politischen Lager extremer geworden?

Ücözler: Extremisten gab es immer schon. Aber die haben natürlich diese Gelegenheit ausgenutzt, um ihre extremen Meinungen zu verkaufen. Bush wäre wahrscheinlich nicht wiedergewählt worden als Präsident, wenn diese Anschläge nicht passiert wären. Das hat er sofort ausgenutzt.

STANDARD: Sie handeln heute mit Ziershrimps und nicht mehr mit Aktien. Warum?

Ücözler: Ich war immer schon ein kritischer Mensch. 9/11 hat den Ausschlag gegeben, mein Leben zu überdenken: Was mach ich denn jetzt? Worum geht es hier eigentlich? Ich bin jetzt fast gestorben, soll ich weitermachen und nur Geld verdienen, wie alle anderen leben und dann irgendwann sterben? Oder soll ich jetzt vielleicht anders denken? Soll ich ein Bestandteil dieses ganzen Schauspiels sein oder soll ich vielleicht zuschauen und analysieren? Ich habe mich für das Letztere entschieden. Deswegen hab' ich auch meinen Job an der Wall Street ein paar Jahre später aufgegeben. Diese Skandale, die es an der Wall Street gab, sind nur die Spitze des Eisberges. Es gibt viel mehr illegale Sachen, die diese Firmen machen. Es geht nur ums Geld, wie man rankommt ist eigentlich egal. Ob etwas ethisch nicht in Ordnung ist und auch kaum legal, es wird dort trotzdem gemacht. Wenn das überall so ist, auch in der Politik, dann fragt man sich, möchte ich wirklich Bestandteil dieses Ganzen sein? Ich habe zu mir selber gesagt: Nein. Möchte ich nicht. (Christoph Prantner, derStandard.at, 8.9.2011)