Politisches und Privates minutiös miteinander verwoben: Marlene Streeruwitz

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Erfreulich fällt es nicht aus.

Wien - "Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen" - dieser erste Satz ist der perfekte Auftakt zur Schilderung einer Winterlandschaft; und die geniale Verdichtung einer Zeitdiagnose. Er ist nicht auf die schwarz-blaue Kleptokratenregierung in Österreich gemünzt, die einem aufgrund der Nachrichten der letzten Zeit unwillkürlich dabei einfällt, wohl aber auf die Zeit der Privatisierung der Sicherheitsfrage, der Fusionen, Professionalisierungen und Börsengänge.

Doch Die Schmerzmacherin. (S. Fischer), der neue Roman von Marlene Streeruwitz, ist nicht in diesem vordergründigen Sinn politisch, und in Österreich ist quasi nur seine private Ebene verankert. Die Hauptschauplätze liegen an der bayerisch-tschechischen Grenze, wo ein international zum Einsatz kommendes Security-Personal trainiert wird, und in England, wo sich die Firmenzentrale befindet.

Politisches und Privates - bis in die Bildwelten und die minutiös geschilderten Einzelbeobachtungen hinein ist beides miteinander verbunden, wobei die stärkste politische Diagnose darin liegt, dass Politik als solche eben gar nicht mehr vorkommt, sondern bis in den Ausverkauf des Gewaltmonopols des Staates hinein abgedankt hat. Und wie die Wirtschaft ist auch das private Leben dereguliert: "Sie wollte einen einzigen Weg gehen. Aber sie wusste nichts mehr. Nicht, wie man leben sollte. Nicht, wie sie leben sollte. Das Leben in die Hand nehmen. Wie man so sagte. Das war das letzte Mal in Stockerau gesagt worden. Im Realgymnasium." So reflektiert Amy Schreiber, die Hauptperson des Romans, einmal ihre Situation.

Ihr Bild wird im Lauf des Erzählens erst langsam scharfgestellt. Lange wird man beim Lesen durch diffuse Szenen gejagt, mitten durch die Trainingsszenen tanzen wie groteske Traumfiguren die Betsimammi, das Mammerl und die Eltern Schottola. Dass man begierig weiterliest, ohne sich orientieren zu können, liegt an der Sprach- und Beschreibungskraft dieser Prosa, die ihresgleichen sucht.

Ein ungenaues Leben

Ein Schluck aus der Wodkaflasche und wie der Alkohol sich im Körper ausbreitet, eine kleine Kaffeehausszene in Stockerau, die eine Kleinstadtidylle entzaubert, oder einfach ein mulmiges Gefühl im Bauch - nichts ist so bekannt und oft beschrieben, dass dieser Roman nicht unverbrauchte Sätze dafür finden und einen neuen Blick darauf entstehen lassen könnte.

Marlene Streeruwitz erweist sich auf höchster Höhe ihres Könnens - manchmal hebt einen dieser durch viele Staccato-Sätze rhythmisierte Prosastrom über alle Inhalte hinweg.

Aber dann rücken einzelne Szenen wieder in grelles Licht. In den nicht abgeschickten Briefen Amys an die Tante Schottola, ihre Ziehmutter, in Amys Bewusstwerden ihres Fremdseins gegenüber den "ordentlichen" Menschen - als Tochter einer rauschgiftsüchtigen Mutter und als Enkelin einer Jüdin und eines Nazi-Großvaters gehört sie nirgends dazu.

"Sie war die Schmutzige. Immer war sie die Schmutzige gewesen. Mit einem ungenauen Leben." Und das bleiben keine privaten Szenen - schon deswegen nicht, weil Marina, ihre Tante, an der Firma beteiligt ist, die Amy ausbildet. Kein Privatleben, keine Geheimnisse zuzulassen gehört zum Grundsatz dieser Firma, die auch alte Stasi-Mitarbeiter integriert, solange sie brauchbar sind und nicht von zeitgemäßeren Typen abgelöst werden.

Blick auf das Ganze

Marina ist die perfekte Inkarnation des ökonomisch verengten Raubvogelblicks. Amy kalkuliert sogar, wie viel Benefit ihr Tod bei einem Auslandseinsatz der Tante bringen würde. Die schafft es ja sogar, die Restituierung eines Gemäldes durch die Republik Österreich in die eigene Tasche zu privatisieren und den Rest der Verwandtschaft auszutricksen. Und sollte Amy da nicht mitspielen, würde sie den alten Nazis in die Hände spielen, die in Österreich so zahlreich sind, droht Marina.

Es gibt eben viele Raubvögel und keine Idee, die sich nicht gewinnbringend instrumentalisieren ließe. Es bleibt abzuwarten, ob sich noch Antisemiten finden werden, die Marlene Streeruwitz an dieser Stelle verkappten Antisemitismus - oder subtiler: die Beschädigung eines doch so wichtigen Anliegens - vorwerfen werden.

Der Roman Die Schmerzmacherin spielt im Zeitraum eines knappen Jahres - von "Dezember" bis "September" reichen die Kapitelüberschriften. Was darin Platz hat, ist ein Zeit- und Gesellschaftspanorama, das nie zur Abstraktion oder theoretischen Analyse verkommt, sondern eine fulminante Erzählung bleibt. Und noch in der Schilderung von Gesten und Physiognomien, in den Details einer Winterlandschaft oder in Amys Familiengeschichte, ist der Blick auf das gerichtet, was Adorno "das Ganze" genannt hat. Über der Landschaft dieses Romans werden viele Raubvögel sichtbar.  (Cornelius Hell/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2011)