Vergnügungszüge, ein Energiegetränk und die große Welt der Seilbahnen: Österreich präsentiert sich bis 18. September auf der Konsumentenmesse in Izmir. Politisch liegt das Verhältnis eher im Argen.

Foto: STANDARD/Bernrath

Geht es um die Türkei, dann liegen zwischen österreichischen Parteipolitikern und Wirtschaftstreibenden bekanntlich Welten. 1394 Flugkilometer zum Beispiel, so viel wie zwischen Wien und Izmir. "Die Türkei ist eigentlich unser Nachbarland", behauptet Konstantin Bekos, der österreichische Handelsdelegierte unbeirrt. Donnerstagabend eröffnete er den Österreich-Pavillon bei der Internationalen Messe Izmir, gemeinsam mit Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner.

Das mit dem Nachbarland erklärt sich durch die Vielzahl türkischstämmiger Österreicher, die im Heimatland ihrer Eltern Aufträge an Land ziehen. Adil Atak, ein junger Manager bei Swareflex, einer Tochtergruppe von Swarovski, gehört zu ihnen. Atak verkauft alle Arten "funktionaler Beleuchtung" - Lichtstreifen in den Istanbuler Straßentunnels, die nun gebaut werden, Beleuchtung in Stadien und Schaufenstern.

Türkei im Ungleichgewicht

Die türkische Wirtschaft boomt, ihre Grunddaten sind derzeit allerdings nicht nur gut. Hausgemachte Probleme und die Auswirkungen der Finanzkrise in der EU lassen die Zukunft unsicher erscheinen. Die größte Sorge macht der Regierung das weiter wachsende Handelsbilanzdefizit. Es wird weit mehr importiert als exportiert. Diese Woche korrigierte die türkische Zentralbank ihre Defizitschätzung für 2011 ein weiteres Mal nach oben: 51,2 Mrd. Euro könnten es werden, von 36 Mrd. gingen die Banker noch im Frühjahr aus.

Faktische Abwertungen der Türkischen Lira haben wenig getan, um diesen Trend einzudämmen. Nach der für Ökonomen überraschenden Leitzinssenkung im Vormonat war die Lira zeitweise auf 2,60 Euro abgesackt. Vor einem Jahr stand sie bei 1,98. Der Inflationsdruck nahm entsprechend zu. Die Inflationsrate für 2011 wird nun auf 7,24 Prozent geschätzt.

Das große Loch im Handelsbilanzdefizit der Türkei hat bereits konkrete Folgen für österreichische Investoren in der Umwelttechnik, einem der Schlüsselmärkte des Landes. Um die Importe zu beschneiden, erließ Ankara ein Gesetz, dass die staatliche Förderung davon abhängig macht, ob Umwelttechnik im Land produziert wird. "Das macht es erheblich schwieriger, hier einen Fuß in die Tür zu bekommen", sagt der Vertreter eines österreichischen Solaranlagenherstellers. "Wir wissen, dass die Türken an österreichische Technologie glauben", versichert dennoch Walter Rablbauer, Exportmanager bei Sunmaster, einem Unternehmen der Greiner-Gruppe.

15 Unternehmen beteiligen sich an dem großen Pavillon, den Österreich als erstes Partnerland bei der Messe in Izmir aufstellte, darunter Doppelmayr, der unter anderem ein Seilbahnprojekt über den Bosporus plant, und der Mega-Investor Verbund. Wirtschaftsminister Mitterlehner räumte bei einer Pressekonferenz in Izmir ein, dass die Visabeschränkungen den Export in die Türkei - er durchbrach 2010 wegen des Aufkaufs von Petrol Ofisi durch die OMV die Grenze von einer Milliarde Euro - belasten. Sie sollten fallen: "Wir würden bessere Abschlüsse haben." Wien unternimmt deshalb wie schon 2009 einen Anlauf, noch vor der EU zu einer Visaregelung mit der Türkei zu kommen.(Markus Bernath aus Izmir, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 9.9.2011)