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Siri Hustvedt: "Eine Zeitlang bin ich zusammengezuckt, wenn ich Flugzeuge gehört habe".

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DER STANDARD-
Schwerpunktausgabe 9/11

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Michael Freund hat sie nach ihren Eindrücken und Erinnerungen gefragt

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STANDARD: Was sind für Sie die bedeutendsten Veränderungen in der amerikanischen politischen Kultur in den letzten zehn Jahren?

Hustvedt: Die Folgen der 9/11-Attacke waren natürlich enorm, aber es ist wohl unmöglich, ihren Einfluss auf die politische Kultur abzuwägen. Vieles weiß man: Die Katastrophe hat zwei Kriege zur Folge gehabt. Die Paranoia der Regierung hat zur Einschränkung der Bürgerrechte geführt, zu einem übereifrigen Homeland-Security-Ministerium/Department(?), zu Argumenten für Folter, zu "außerordentlicher Überstellung", Militärtribunalen und Guantanamo. Das ist die traurige Wahrheit. Gewalt hat zu mehr Gewalt geführt.

Was vielleicht weniger zur Kenntnis genommen wurde ist, dass die Ermordung von fast 3000 Menschen in Manhattan und weiteren 125 in Washington einen Diskurs über gut und böse belebt hat, wie wir ihn seit dem Ende des Kalten Krieges nicht gesehen haben. Unser "Feind" war ja nicht gerade neu, aber seit 9/11 wuchs er an Bedeutung. Der "Barbar" war immer Teil der Menschheitsgeschichte, nur sein Gesicht hat sich geändert. Der politische Diskurs in den USA über "the Other" reichte von George Bushs simplistischen Phrasen über "Übeltäter" bis zu intellektuelleren Auseinandersetzungen - der Kampf gegen "Islamofaschismus" zum Beispiel und die uralten Argumente über eine grundsätzliche Spaltung zwischen Ost und West, die angeblich schon mit der Haltung der Griechen gegenüber den Persern anfing. Jeder amerikanische Bürger wusste nun, was Dschihad bedeutet - naja, irgendwie. Das Meiste an dieser politischen Sprache ist verkürzend und mit Klischees beladen. Die Leute wollen einfache Antworten, und die sind zu keiner Nuancierung fähig.

STANDARD: Wer zieht heute den hauptsächlichen Nutzen daraus?

Hustvedt: Die extreme Rechte - die Tea Party und ein Teil der evangelikalen Bewegung - hat eine enorme Hoheit über die laufende politische Debatte erlangt, obwohl sie nicht mehr als 20 Prozent des Landes vertritt. Ich denke manchmal, das kommt einfach daher, das Schreien spannender ist als ruhige Diskussionen und Slogans immer schon stärker waren als subtile Argumente. Da es in den Vereinigten Staaten nur zwei Parteien gibt, werden Themen schnell zu einfachen binären Gegensätzen - pro und kontra. Das Diskussionsklima hier ist inzwischen derartig durch, offen gesagt, irrsinnige Ideen polarisiert worden, dass wir ständig in einem Sturm an Geschwätzigkeit zu leben scheinen. Das ist nicht erst seit 9/11 so. Es wurde schon vorher und wird auch heute dazu benutzt, um Menschen einzuschüchtern.

STANDARD: Was hat sich im Alltag geändert?

Hustvedt: Für Menschen, die keine Angehörigen verloren haben, ist das Leben zum großen Teil wieder in einem "normalen" Zustand. Wir sind ja belastbar. Eine Zeitlang bin ich zusammengezuckt, wenn ich Flugzeuge oder Helikopter gehört habe, habe mich geängstigt, wenn die U-Bahn zwischen Haltestellen stehen geblieben ist, habe mich gefragt, ob die Brooklyn Bridge explodieren wird, während ich im Taxi auf ihr unterwegs war. Wie viele New Yorker erwartete ich eine zweite Attacke. Da sie nicht passiert ist, erwarte ich sie nicht mehr.

STANDARD: Wie empfanden Sie diese wiedergekehrte Normalität?

Hustvedt: Unmittelbar nach dem 11. September wurde viel über die Oberflächlichkeit unserer Konsumkultur diskutiert. Viele Schriftsteller sagten, dass es keine Ironie mehr gebe. Künstler verkündeten, dass ihr Werk bedeutungslos geworden sei. Ich habe ehrlich gesagt diese Gefühle nie geteilt. Die Auswüchse des unkontrollierten Kapitalismus in den USA haben mich schon lange angewidert, ich bin immer der Ansicht gewesen, dass Ironie eine notwendige Denkweise unter anderen ist, und ich hatte damals gerade einen Roman zu Ende geschrieben, Was ich liebte, der sich mit dem Monströsen im menschlichen Verhalten beschäftigt. Sobald ich verstand, dass das erste Flugzeug nicht versehentlich in World Trade Center Tower gekracht war, dachte ich mir: "Jetzt hat es uns also erreicht." Menschen waren immer schon imstande, einander grauenhafte Dinge anzutun. 9/11 hat meine Meinung dazu nicht geändert. Es hat nur den Horror näher gebracht.


STANDARD: Also hat 9/11, längerfristig gesehen, für Sie gar nicht so viel verändert?

Hustvedt: Doch. Es fällt mir immer noch schwer, über den Tag zu reden. Was in Lower Manhattan geschah, war entsetzlich. Was sich geändert hat? Manche wurden durch 9/11 traumatisiert, andere nicht. Es kommt auf die je einzelnen Erfahrungen an.
An jenem Tag ist meine Tochter zum ersten Mal alleine mit der U-Bahn zu ihrer Schule gefahren. Der Zug fuhr ca. 20 Minuten vor der Attacke unter dem World Trade Center durch. Als ich dann die Schule anrief, wurde mir versichert, dass sie sicher angekommen war. Meine sechsjährige Nichte war in der Schule drei Straßen nördlich der Towers. Als das erste Flugzeug einschlug, beschloss meine Schwester, sie abzuholen, nur als Vorsichtsmaßnahme. Sie war nicht besonders besorgt, sie dachte, das sei nur ein Unglücksfall mit einem kleinen Flugzeug gewesen. Als sie sich dann neun Straßen weiter im Norden auf den Weg machte, sah sie das zweite Flugzeug. Menschen in Panik rannten ihr entgegen. Sie holte ihre Tochter und rannte ebenfalls los. Sie erinnert sich heute noch sehr genau an einen Mensch mit Aktentasche, der auf die Knie fiel und sich übergab. 

Als eine Freundin von mir aus ihrem Wohnhaus nah den Towers hinauslauf, stolperte sie über eine abgetrennte Hand.
Ein anderer Freund war in der Nähe, als die Gebäude zusammenbrachen. Er ging zu Fuß bis nach Brooklyn nach Hause. Als seine Frau die Tür öffnete, sah sie einen Geist, einen Mann, der von Kopf bis Fuß mit weißem Staub bedeckt war und der aus hunderten kleinen Wunden bluteten, die Glassplitter in seinen Körper geschlagen hatten.
Ein kleiner Junge in der Klasse meiner Nichte bekommt Angstzustände bei brennenden Stäben.
Ein kleines Mädchen weigerte sich, ihre Füße den Boden berühren zu lassen. Ihre Mutter musste die Fünfjährige überall hin tragen.
Meine Schwester ließ ein paar Tage nach 9/11 zwei Polizisten ins Haus - sie waren gekommen, um auf dem Dach nach Körperteilen zu suchen.

Jede einzelne Geschichte ist unweigerlich stärker als die Abstraktionen aus ihnen, die besagen sollen, wie die Dinge sich änderten. Die Dinge änderten sich jedes für sich.

STANDARD: Sie haben die Debatten darüber verfolgt, was aus Ground Zero werden soll. Wie, meinen Sie, kann diese oder irgendeine Gedenkstätte der Tragödie gerecht werden?

Hustvedt: Die Menschen brauchen Gedenkstätten, vor allem, wenn es niemanden gibt, den man begraben kann. Die vielen Holocaust-Memorials zeigen von den Bedürfnis, sich an Menschen zu erinnern, die in Öfen verbrannt oder in Massengräbern verscharrt wurden.
Die Kontroversen um die Gestaltung des 9/11-Memorials habe ich nicht im Detail verfolgt. Dass Uneinigkeit herrscht, überrascht mich nicht. Sogar unter denen, die man jetzt die "9/11-Familien" nennt, gibt es keinen Konsens. Ineffizienz, verbale Schlachten, Bürokratie und die allgemeine Langsamkeit bei allen derartigen Entscheidungen sind Teil einer repräsentativen Form von Regierung. Wie fehlerhaft unsere Republik auch sein mag, bei der Entscheidungsfindung für eine Gedenkstätte in New York City schlägt sie sich gut. Soweit ich weiß kommen alle Beteiligten langsam zu einem Kompromiss. Da kommt vielleicht keine große Kunst dabei heraus, aber es ist Zeugnis für einen friedlichen, wenn auch chaotischen Prozess, an dessen Ende ein Ort stehen wird, der den Toten unserer Stadt gewidmet sein wird.

STANDARD: Wie laut waren und sind jetzt noch die Stimmen, die nach Vergeltung rufen?

Hustvedt: Es tut immer noch weh, sich zu erinnern. Doch in den Tagen, die auf 9/11 folgten, habe ich keinen Menschen gesehen, der Rache wollte. Keinen einzigen. Als es in unserem Viertel zu einer spontanen Kundgebung kam für zwölf Feuerwehrleute, die beim Versuch starben, Eingeschlossene zu retten, da marschierten alle - meine Familie und ich waren unter ihnen - mit Kerzen durch die Straßen und sangen "We shall overcome", die Hymne der Bürgerrechtsbewegung und der Vietnamproteste. Zehn Jahre später, im Lichte der Kriege und der Folterungen und der Xenophobie, hat die Erinnerung daran einen bitter ironischen Beigeschmack.
Trotz der Attacken ist New York eine bemerkenswert tolerante Stadt geblieben, eine Stadt vieler Nationen, Ethnien, Religionen und Sprachen. Die meiste Zeit kommen wir recht gut miteinander aus. In New York gibt es keinen besonderen „Anderen". Wir sind alle andere. Das tägliche Leben in dieser facettenreichen Stadt mag schließlich die beste Gedenkstätte sein. Eine lebendige Gedenkstätte. (Michael Freund, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe/Langfassung, 10./11. September 2011)