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Rodins "Denker", 1998 an der 5th Avenue präsentiert, gilt seit 9/11 als verschollen.

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DER STANDARD-
Schwerpunktausgabe 9/11

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Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein kannten die Europäer nur weiße Schwäne. Ein schwarzes Exemplar war für die Naturkundler weder denk- noch voraussehbar, und also geriet deren Welt kurzfristig aus den Fugen, als man eine solche Gattung in Australien entdeckte. Vier Jahrhunderte später stehen sie synonym für das Unerwartbare. Zu dem am häufigsten zitierten Beispiel für einen "Black Swan" gehört der 11. September 2001. Jener Terroranschlag, der abseits der menschlichen Tragödie mit 20 Milliarden Dollar versicherter Schäden seither den Rekord als kostspieligstes Einzel-ereignis hält.

Beim Einsturz der Twin Towers wurden auch unzählige Kunstschätze vernichtet, sowohl historische als auch zeitgenössische Werke. Wie viel insgesamt, war nach dem Attentat nur eingeschränkt rekonstruierbar.

Rodin-Sammlung zerstört

Auf etwa 100 Millionen Dollar schätzten Insider den Verlust zumindest. Dazu gehörten mehr als hundert Kunstwerke, die - im Wertumfang von einem Prozent des gesamten Baubudgets, konkret etwa zehn Millionen Dollar - eigens für das WTC in Auftrag gegeben worden waren. Etwa eine Tapisserie von Joan Miró oder eine Skulptur von Alexander Calder, von der man im Zuge der Aufräumarbeiten noch Fragmente in den Trümmern fand. Weiters wurden mehr als 40 Arbeiten (u. a. Paul Klee, Le Corbusier) vernichtet, die ehemals die Räumlichkeiten des Marriott-Hotels zierten.

Der mit Abstand prominenteste Verlust der Kategorie Kunst war jedoch die mit etwa 300 Skulpturen und Zeichnungen wohl größte Privatsammlung an Arbeiten von Auguste Rodin im Besitz der Brokerfirma Cantor Fitzgerald bzw. deren Vorsitzendem Howard W. Lutnick. Eine bronzene Replik des Denkers hatte das Flammeninferno stark verbeult überstanden, dann verlor sich ihre Spur.

Stärker wog für das Unternehmen der Verlust von knapp 660 ihrer 960 Angestellten. Eine schreckliche Tragödie, weshalb man den Verlust dieser Sammlung auch nicht kommentieren wollte - fürs Erste. Im Zuge der späteren Schadensregulierung soll AXA Art allein für die zerstörte Rodin-Sammlung um die 30 Millionen Dollar bezahlt haben, wie Nikolaus Barta, Gründer des in Wien beheimateten und international aktiven Kunstversicherungs-Consulting Unternehmens, bestätigt.

Bis zum 11. September waren aus solchen Katastrophen resultierende Schäden in jeder Kunstversicherung automatisch inkludiert. Ein Monat später hatte die Branche bereits reagiert und die Verträge entsprechend angepasst. Seither ist Terror in der Kunstbranche ein explizit zu versicherndes Risiko, jedoch anders als klassische Sachversicherungen auf die Kapazität der Anbieter limitiert. Einzig bei Transportversicherungen ist Terror mittlerweile automatisch inkludiert.

In den Nachwehen der WTC-Ereignisse stieg das zugehörige Prämienaufkommen rasant. Im Privatkundensegment nahm es mit den Jahren wieder ab, während Museen bis heute die komplette Abdeckung, Terror inklusive, bevorzugen. Als aktuelles Beispiel nennt Barta die derzeit in Seattle anberaumte Tut-Ench-Amun- Ausstellung (2008 im KHM, Wien): Der Versicherungswert liegt bei 600 Millionen Dollar, die Terrorprämie schlägt sich hier mit 75.000 Dollar zu Buche. Die Höhe der Prämie richtet sich allerdings nicht nur nach dem Wert der Kunstwerke, sondern auch am Standort.

Mit dem lokalen Risiko erhöht sich auch die Prämie, in New York ist sie jedenfalls teurer als im niederländischen Maastricht oder in Wien. Aber selbst regional gibt es dann noch Unterschiede, wie Barta schildert: im Umfeld ausländischer Botschaften insgesamt und der amerikanischen ganz speziell. In Hietzing oder Penzing sei die Chance auf ein Erdbeben größer, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags dort quasi bei null - zumindest so lange, bis in der Wiener Vorstadtidylle ein schwarzer Schwan landet. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. September 2011)