Edlinger: Khol hatte recht: Speed kills. Ab jetzt sollten wir besser an unserer Faulheit arbeiten.

Divjak: Ich wäre sofort dabei. Obwohl mir das ökonomisch nicht ganz einleuchtet. Oder kann man heute ein Selbstporträt in der Hängematte auch schon als PR-Tätigkeit für die Wellnessindustrie verkaufen? Bietet Humboldt jetzt schon den Extensiv-Aufbaulehrgang Wolkenstudium in drei Sommersemestern an?

E: Im Ernst, die Downsizing-Philosophien sprießen überall. Alle empfehlen das einfache Eremitenleben am Land. Ein bisschen Gemüse anbauen und trotzdem keine Tomaten auf den Augen, das ist der Weg und das Ziel.

D: Also hatte unsere Bio-Schmuckdesignerin Fiona doch recht: Züchtet Zucchini statt Neidneurosen!

E: So weit ist es wohl gekommen, ja. "Wir brauchen eine Anti-Effizienz-Verschwörung" , steht im Hausblatt der Tüchtigen und Bessserverdienenden, der Hamburger Zeit. Und glaubt man den Gerüchten, dann fallen die Spekulanten wieder einmal wie die Heuschrecken über das Land her. Allerdings diesmal nicht, um es auszuplündern, sondern um es einfach zu kaufen und sich dort einzubunkern. Am Ende womöglich auch noch als Selbstversorger, bewaffnet mit Hammer und Sichel.

D: Das klingt nach Landflucht: vom Derivat ins Reservat.

E: Stimmt. Und das Beste: Die Freunderln der privatwirtschaftlichen Beschaffungskriminalität haben vorher ordentlich gewildert in den ehemaligen staatlichen Jagdgründen. Darum gibt's jetzt am Land auch interessante historische Architekturjuwelen aus goldenen Zeiten des kryptokommunistischen Wohlfahrtsstaats als Schnäppchen zu erwerben. Zum Beispiel die repräsentativen ruralen Postruinen, die nach der erfolgreichen "Anti-Effizienz-Verschwörung" der Privatisierungspropheten jetzt landesweit zum Verkauf stehen.

D: Ich hab kürzlich ein Top-Inserat gesehen! Ein ehemaliges Waldviertler Postamt, Baujahr 1956, gepflegter Landhausstil. Das Gebäude atmet die Aufschwungsatmosphäre der Wirtschaftswunderjahre, ist aber dennoch bescheiden geblieben und darüber hinaus auch infrastrukturell bussifein angebunden. Lage direkt am Durchzugsstraßenrand des Ortskerns, der angeblich sogar irgendwann floriert haben soll. Dazu gibt's gratis ein reichhaltiges Kulturangebot in Form des unverbaubaren Blicks auf das brettervernagelte Dorfkino, das Haus des verstorbenen Greißlers und jede Menge verfallener Bauernhöfe.

E: Klingt nach idyllischem Landleben, wie es sich ein Ulrich Seidl nicht besser ausdenken könnte. Da geht die Post ab!

D: Glaub mir, an so einem Ort ist vielen vieles auch schon wurscht. Gezwungenermaßen nämlich. Da geht dann die Post auch keinem mehr ab. (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. September 2011)