Mit dem 11. September 2001 sind politische und wirtschaftliche Gewichtungen gekippt. Günther König dokumentierte die Schräglagen. (Mehr Fotos in einer Ansichtssache.)

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"Die Europäer bemerken erst jetzt, dass der Bedeutungsverlust der Amerikaner auch ein eigener Bedeutungsverlust war", erklärt Reinhard Heinisch im Interview.

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DER STANDARD-Schwerpunktausgabe 9/11

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STANDARD: Sie waren bei den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 quasi persönlich betroffen, da sie in Pittsburgh an der Universität waren.

Heinisch: Genau. Ich habe das Flugzeug kurz vor dem Absturz gesehen, weil es über unseren Campus geflogen ist, und die Alarmabteilung unserer Universität war eine der ersten Einsatzkräfte, die die Unfallstelle sicherten, bis dann die Behörden kamen. Ein Kollege von mir hat dann einige der Telefonanrufe, die aus dem Flugzeug gekommen sind, aufgefangen und gehört – die an die Zentrale gingen, wo er Einsatzleiter war.

STANDARD: Wie haben Sie persönlich die Situation wahrgenommen?

Heinisch: Die Situation war sehr surreal. In der heutigen Zeit sind kollektiv erlebte Ereignisse sehr selten. Dieses Ereignis war wahrscheinlich das einzige in den letzten Jahrzehnten, das wirklich kollektiv erlebt wurde. Das gab es früher öfter, aber durch die Vielfalt der Medien immer weniger. Das hat dem Ganzen eine Intensität verliehen. Gleichzeitig erinnere ich mich sehr gut an diesen Tag. Es war einer der ersten kühlen, sonnigen Herbsttage. Es war eine ganz klare, fast hyperreale Wirklichkeit. Als wir diese brennenden Türme im Fernsehen sahen, kam ein Kollege herein und sagte, eine dritte Maschine sei gerade im Anflug auf uns. Wir dachten, das ist ja völlig absurd. Das Pentagon brennt und New York brennt, wer fliegt denn da irgendwo nach Pennsylvania. Wir haben ihn gar nicht ernst genommen. Bis dann die Maschine tief über den Campus hinweg flog.

STANDARD: Wie kann man die Stimmung in Amerika die Tage danach beschreiben?

Heinisch: Zuerst war die Phase des kollektiven Schockzustandes. Wenn man im kollektiven Schockzustand verharrt, kann man nicht analysieren. Der Rest der Welt und alles Politische ist aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Die Europäer haben schon längst analysiert, da waren in Amerika nur stumme Bildberichte zu sehen. Wobei man die schlimmsten Bilder, wie die Sprünge aus den Wolkenkratzern, in den USA nie gezeigt hat. Dieser Schockzustand ging dann langsam in Trauer über – und die Trauer erst viel später in Wut und einem Wunsch nach Abrechnung. Der Rest der Welt ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

STANDARD: Sind Europa und der Rest der Welt erst wieder ins Bewusstsein gekommen, als es um die Abrechnung, den Krieg gegen den Terror ging?

Heinisch: Genau. Natürlich spielt auch Deutschland eine gewisse Rolle, da der Attentäter Mohammed Atta aus dieser Hamburger Zelle kam. Es drang auch durch, dass quasi Europa dem, was in seinem eigenen Hinterhof passiert, keine Aufmerksamkeit gezollt hat – es bildeten sich radikale Zellen, und europäische Geheimdienste schauten weg, weil sie nicht die Zielscheibe dieser Aktivitäten waren. Europa wurde erst wieder wahrgenommen, als es zur Auseinandersetzung kam: Wie geht man damit um?

STANDARD: Welche Auswirkungen hatten die Terroranschläge für Europa?

Heinisch: Die Nato hat unmittelbar nach dem Terroranschlag in New York die Beistandserklärung abgegeben. Das haben die Amerikaner höflich, aber bestimmt abgelehnt, weil die Europäer nichts anzubieten hatten, was die Amerikaner brauchten. Die Europäer fühlten sich vor den Kopf gestoßen, und das ist in Kritik umgeschlagen. Die Amerikaner haben es so gesehen, dass sie Europa immer geholfen haben, aber als sie sich einmal selbst bedroht fühlten, konnte Europa wenig tun und hat die USA auch noch kritisiert. Es wurde vollkommen unterschiedlich wahrgenommen, und diese Unterschiedlichkeit führte zu einem Auseinanderdriften der beiden. Eigentlich hat 9/11 dazu beigetragen, dass sich die beiden auseinanderdividiert haben, und es ist bei dem Auseinanderdriften auch geblieben. Diese Abkühlung hat sich sicher gefestigt.

STANDARD: Hat die Beziehung zwischen Amerika und Europa noch immer eine abnehmende Bedeutung? Name:Sie hat eine abnehmende Bedeutung, weil die transatlantischen Beziehungen immer weniger wichtig werden. Weil sich das Gewicht der Welt vom Atlantik zum Pazifik verlagert hat. Mit dem Aufstieg Chinas, Indiens, Brasiliens, Ostasiens ist zwangsläufig die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen geringer geworden. Weil die Ressourcen, die Bedrohungen nicht in Europa sind und die bestehenden Institutionen, um mit Bedrohungen umzugehen, in denen Europa drinnen ist, für die neue Welt einfach weniger relevant sind.

STANDARD: Institutionen wie die Nato sind weniger relevant??

Heinisch: Ja, sie haben ganz eindeutig an Relevanz verloren. Die Amerikaner haben vorgeschlagen, die Nato soll außerhalb des europäischen Raums aktiv werden und hat die Europäer eingeladen, hier eine wichtige Rolle zu schmieden. Die europäischen Politiker haben sich gesagt, damit verlieren wir nur Wahlen, das will in Europa niemand, wir machen das nicht. Die Europäer sind nicht willens, sich woanders zu engagieren, die Bedrohungen finden aber nicht mehr dort statt. In dem Maße war es klar, dass die Nato an Gewicht verliert. Vielleicht könnte man sagen, Libyen war das letzte Hurra der Nato, oder einer der letzten Einsätze.

STANDARD: Was heißt es für Europa, dass die Beziehungen zu Amerika immer schlechter wird? Heinisch:Das Abkühlen der Beziehungen ist ein langer Prozess. Der Prozess wurde in den 90er-Jahren noch sehr bedauert. Jetzt wird er kaum noch bedauert, sondern zur Kenntnis genommen. Man kann wenig füreinander tun. Die Amerikaner schauen mehr oder weniger hilflos zu, wie der Euro in immer größere Schwierigkeiten gerät, und wollen auch wenig beitragen. Die Europäer versuchen sich aus allen Engagements der Amerikaner zurückzuziehen, Stichwort Afghanistan. Neben dieser Praxis sind beide Seiten des Atlantiks ideell wenig voneinander begeistert. Die USA sehen in Europa immer stärker einen alternden, an seinem Lebensabend befindlichen, überregulierten Kontinent. So quasi ein Skandinavien der Welt. Gut gemanagt, aber ohne Machtanspruch, ohne Bedeutung, wenig interessant, wenig dynamisch, rückwärtsgewandt. Und in europäischen Zeitungen liest man: Das amerikanische Modell in der Krise, eine Zweiklassengesellschaft mit radikalen Politikern. Mit diesen Zerrbildern haben beide Seiten das Interesse aneinander verloren.

STANDARD: Sind die verschiedenen Weltsichten mit ein Grund dafür, dass die Beziehung immer unwichtiger wird?

Heinisch: Das kann man ganz deutlich sagen. Die USA sind politisch nach rechts gerückt. Jetzt vertritt die Demokratische Partei eine Politik, die in etwa dem europäischen Mainstream entspricht. Aus republikanischer Sicht entspricht das gesamte Europa der Agenda des politischen Gegners. Wenn die amerikanischen Rechten – 50 Prozent des Landes – nach Europa schauen, sehen sie quasi den politischen Gegner. Das europäische Modell ist für viele Amerikaner eine Art staatssozialistisches Modell, das abzulehnen ist. Da gibt es wenig politisch Attraktives für viele Amerikaner, die republikanisch wählen.

STANDARD: Nach dem 11. September war die USA wirtschaftlich, politisch und moralisch angeschlagen. Ist sie nicht mehr die Weltmacht, die sie vorher war?

Heinisch: Man muss natürlich sagen, dass die Amerikaner vor 9/11 auf dem Gipfel ihrer Macht waren, aus verschiedenen Gründen. Die Sowjetunion war besiegt. Die Amerikaner hatten in den 90ern eine Dekade des ökonomischen Booms und der technologischen Entwicklungen. Dieser Absturz kam einerseits von einem sehr hohen Niveau. Andererseits sind nicht nur durch 9/11, sondern vor allem durch die beiden Kriege Szenarien entstanden, die die Grenzen der amerikanischen Supermacht vor Augen geführt haben. Gleichzeitig wurden, durch den exzessiven Fokus der Amerikaner auf die Region des Nahen Ostens und den Terrorismus, weite Weltgegenden, wie etwa Lateinamerika, völlig ignoriert und links liegen gelassen – wo dann auch Gegentendenzen entstanden sind, die die Amerikaner herausgefordert haben.

STANDARD: Hat das auch das Image Europas hinuntergezogen?

Heinisch: Natürlich. Ich glaube, das Missverständnis der Europäer war, dass sie immer dachten: Wenn Amerika geschwächt wird, dann wird Europa gestärkt. Jetzt sehen wir, dass die Stärke der USA in den 90ern eine Stärke des Westens war und das westliche Modell als solches wahrgenommen wurde. In den 90er-Jahren galt, wenn ich westlichen Lebensstandard will, baue ich ein westliches politisch-ökonomisches Modell. Heute haben Länder wie China autoritäre Gegenmodelle anzubieten: Wunderbar moderne Städte, funktionierende Eisenbahnen, eine moderne, durchaus prosperierende Bevölkerung, nur brauche ich mir die Demokratie nicht anzutun. Es gibt eben diese Gegenmodelle, und auch darunter hat der Westen gelitten. Der Westen als solcher ist weniger attraktiv geworden, und die Europäer bemerken jetzt erst, dass der Bedeutungsverlust der Amerikaner auch ein eigener Bedeutungsverlust war.

STANDARD: War 9/11 ein historischer Einschnitt, der politische Veränderung mit sich brachte und eine neue Epoche einleitete?

Heinisch: Es ist ein historischer Einschnitt. Er hat eine ganz neue Ära der Außenpolitik begründet. Der Hauptgegner war eine international vernetzte Terrororganisation, nicht ein Staat. Fast alle anderen Politikbereiche wurden unter dem Mantel der Sicherheit gegen den Terrorismus abgehandelt. Zum ersten Mal hat sich die amerikanische Bevölkerung mit Außenpolitik beschäftigt. Diese Dinge sind die direkte Folgen von 9/11. Mit diesem einen Tag ist plötzlich die gesamte Gewichtung gekippt. (Stefanie Ruep/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.9.2011)