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Der Aufbau des Tränenapparats: 1. Tränendrüse 2. Meibom-Drüse 3. Tränensack 4. Tränen- nasengang.

Foto: Reuters/Khaled Al-Hariri

Hand aufs Herz: Wer denkt schon an seine Tränen? Selbst dann, wenn sie fließen, führen sie ein Schattendasein. Wie wichtig die so häufig verpönten Tropfen tatsächlich sind, wissen nur diejenigen, denen "das Wasser in den Augen" buchstäblich ausgeht. "Dabei kann der Verlust der Tränen unbehandelt zu schwelenden Entzündungen und somit zu Narben auf der Hornhaut und im schlimmsten Falls zur Erblindung führen", sagt Jutta Horwath-Winter, Leiterin des Spezialbereichs Benetzungsstörungen an der Augenklinik der Medizinischen Universität Graz.

Trockenes Auge, Sicca-Syndrom oder neudeutsch auch "Office-Eye-Syndrom" nennt sich die Krankheit, an der nach Schätzungen des Berufsverband der Augenärzte Deutschlands jeder Fünfte, der zu ihnen kommt, leidet. Der Tränenfilm wird instabil, weil nicht mehr ausreichend Augenflüssigkeit produziert wird oder zu schnell verdunstet. "Die Zusammensetzung des Tränenfilms ist gestört, das Auge kann nicht ausreichend benetzt werden", fügt Horwath-Winter hinzu. Die Ursachen für das Phänomen liegen in der Umwelt: "Das Leben ist heute sehr visuell geprägt, und die Belastung der Augen durch Computer, Fernsehen und Klimatisierung ungleich höher als früher. Zudem wird die Gesellschaft älter, und mit zunehmendem Alter lässt die Tränenproduktion nach", erklärt Horwath-Winter. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer, da nach der Menopause ihr natürlicher hormoneller Schutz verlorengeht. Aber auch Medikamente wie Beta-Blocker, einige Antidepressiva sowie Antihistamine gegen Allergien beeinflussen die Tränenproduktion.

Drei Schichten

Tränen sind ein hochkomplexes, sensibles Gebilde. Sie bestehen aus drei miteinander verbundenen Schichten, von denen jede dazu beiträgt, dass das Auge ausreichend feucht gehalten wird. Direkt auf der Hornhaut, der Cornea, liegt eine Schleimschicht, die Muzinschicht. Sie schützt die Horn- und Bindehaut vor den Reibungskräften des Lidschlags. Die mittlere wässrige Phase versorgt die Hornhaut mit Nährstoffen und Sauerstoff und stellt so deren Funktion sicher. Zudem führt sie antibakterielle Substanzen und Abwehrstoffe mit sich, die das Auge vor Infektionen schützen. Außen sorgt eine zarte Fettschicht dafür, dass die Tränenflüssigkeit nicht zu schnell verdunstet.

Ist nur eine dieser Schichten beschädigt, setzen Entzündungsprozesse ein. Durch die geschädigte Augenoberfläche werden Botenstoffe angelockt, die die Herde anheizen. In den USA, allerdings noch nicht in Österreich zugelassen, sind entzündungshemmende Mittel wie das Cyclosporin A im Einsatz. "Sie wirken, sind aber nur schweren Fällen vorbehalten", sagt Horwath-Winter. Selten stecken Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder das Sjögren-Syndrom dahinter, bei dem sowohl die Tränen- als auch die Speicheldrüsen ihre Funktionen verlieren.

In den anderen Fällen müssen Ärzte an den Symptomen herumlaborieren. "Millionen Menschen leiden an Trockenem Auge, doch es fehlt an geeigneten Mitteln, sie zu behandeln", klagt auch Yihe Chen, Wissenschafter am Schepens Eye Research Institute an der Harvard Medical School in Boston. Tränenersatzmittel wirken wie eine Art Schmiermittel, schützen die vorhandene Augenflüssigkeit vor dem Austrocknen und erleichtern das Blinzeln. Häufig aber suchen Leidgeplagte zunächst keinen Augenarzt auf, sondern versuchen mit herkömmlichen Augentropfen ihre vermeintliche Bindehautentzündung in den Griff zu bekommen. "Doch gerade sie enthalten häufig Konservierungsmittel, die den Prozess noch verschlimmern können", warnt Horwath-Winter. Bei der Stiftung Warentest schneiden daher auch nur solche Tränenersatzmittel gut ab, die auf diese Zusatzstoffe verzichten.

Mögliches Ziel

Chen sucht nach Ursachen. Er identifizierte Abwehrzellen, sogenannte "Natürliche Killerzellen" (NK-Zellen), als Entzündungsverursacher an der Augenoberfläche. Gewöhnlich verleihen NK-Zellen dem Menschen eine angeborene Immunität, in dem sie unspezifisch alle Zellen, die von Viren befallen sind, vernichten. Die Forscher fanden, dass bei ohne NK-Zellen gezüchteten Mäusen die Krankheit merklich milder verläuft. "Unsere Studie macht NK-Zellen zu einem möglichen neuen Angriffspunkt für Medikamente", so Chen. Ob Medikamente gegen NK-Zellen tatsächlich aber eines Tages auch beim Menschen zum Einsatz kommen, bedarf einer Reihe von weiteren Studien. (Edda Grabar, DER STANDARD Printausgabe, 12.09.2011)