Lernen auf den Gängen: Im Gymnasium in der Au können die Schüler selbst entscheiden, wo sie arbeiten möchten.

Foto: Günter Richard Wett

Unten shoppen, oben büffeln: Aus Kostengründen musste sich die Innsbrucker AHS das Grundstück mit einem Einkaufszentrum teilen. Die ungewöhnliche Kombination war zu Beginn stark umstritten.

Foto: Günter Richard Wett

Innsbruck/Wien - In den westlichen Bundesländern ist heute Schulbeginn. Für die Jugendlichen des Innsbrucker Bundesrealgymnasiums in der Au birgt das letzte Stück ihres Schulwegs eine Besonderheit. Sie müssen erst knapp 70 Stufen erklimmen, ehe sie in der Aula stehen. Der Grund: Das von Elternvereinen geforderte und längst überfällige fünfte Gymnasium in der Tiroler Landeshauptstadt musste aufgrund von Grundstücksknappheit und überhöhten Bodenkosten auf dem Dach eines Einkaufszentrums errichtet werden.

"Innsbruck hatte jahrelang einen Mangel an AHS-Plätzen", sagt die Schuldirektorin Margret Fessler. "Eine 12.000-Quadratmeter-Schule mit 32 Klassen zu errichten ist in einer Stadt mit derart geringen und teuren Flächenressourcen aber gar nicht so einfach." Durch die Stapelung habe man eine Lösung gefunden, die für alle Beteiligten finanziell tragbar sei. Es ist das erste Projekt dieser Art in Österreich.

Im zweiten und dritten Stock wird bereits seit einem Semester unterrichtet, in den Stockwerken darunter errichtete die Innsbrucker Signa Holding das Einkaufszentrum "west" mit rund 25 Shops und Tiefgarage. Die Kosten für das Grundstück wurden unter dem Schulerrichter Innsbrucker Immobilien Gesellschaften (IIG), einem Unternehmen der Stadt, und der gewinnorientierten Signa aliquot aufgeteilt. Das Gesamtinvestitionsvolumen beläuft sich auf 45 Millionen Euro, 24 Millionen davon entfallen auf die Schule.

Was die Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer als "modern und effizient" sowie als "Meilenstein" bezeichnet, war für die Innsbrucker zu Beginn eine schwer verdauliche Kombination. Viele waren skeptisch. "Wenn man ehrlich ist, ist es aber ziemlich egal, ob Schule und Einkaufspassage Tür an Tür liegen wie in der Innenstadt oder Stockwerk auf Stockwerk wie in diesem Fall", meint eine Verkäuferin im "west". Bei H&M und New Yorker hieß es auf Anfrage des Standard: Die Kids seien nach der Schule zwar öfter im EKZ zum "Abchillen" und Schauen, doch die rund 900 Jugendlichen, für die das Gymnasium im Endausbau konzipiert ist, seien für das "west" "keine wirkliche ernstzunehmende Kaufkraft".

Cola- und Fastfood-Verbot

"In der Praxis sehe ich das Shoppingcenter tatsächlich nicht als Gefahr", meint Schuldirektorin Fessler. "Aber natürlich muss man so eine Symbiose im Unterricht thematisieren. Man nimmt das zum Anlass, um mit den Schülerinnen und Schülern etwa verstärkt über Wirtschaft und Kommerz zu sprechen."

Und noch mehr als das: Coca-Cola und Fastfood-Verpackungen sind im gesamten Schulgebäude verboten, unterrichtet wird ausschließlich in Doppelstunden. Es gibt keine Stammklassen, sondern lediglich themenbezogene Lernbereiche. Und die Schüler arbeiten, wo sie wollen: in den Klassen, auf den Gängen, auf den von einem Möbelhaus gesponserten Sofas oder liegend in einem Sitzsack mit Blick auf die Bergkulisse.

"Dass wir die Gänge so breit machten und in den Schulbetrieb integrieren konnten, verdanken wir ehrlich gesagt nur dem Shoppingcenter", sagt Architekt Ralf Eck vom Planungsteam Reitter, Eck & Reiter. "In den unteren Geschoßen ging es um absolute Flächenmaximierung. Von dieser Großzügigkeit konnten wir oben nur profitieren." Dank gemeinsam genutzter Haustechnik und dank Andocken an das Sprinklersystem des EKZ sei es etwa möglich gewesen, die Gangflächen in den Lernalltag miteinzubeziehen - ohne Sprinkleranlage ist eine Möblierung der Gänge laut aktuellen Schulbaurichtlinien verboten.

"Der nächste Schritt wäre nun, das Raumangebot von Schulbauten nicht nur solchen Zufällen zu überlassen", fordert Eck, "sondern sich endlich von den alten Normen zu lösen und ein neues, adäquates Raum- und Funktionsprogramm zu erarbeiten, das mit den neuen pädagogischen Lernkonzepten von heute vereinbar ist. Das fehlt noch immer."

Lernbereich "Marktplatz"

Im Bildungscampus auf dem Gelände des neuen Wiener Hauptbahnhofs könnte diese Vision schon bald Realität werden. Dort plant die Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro PPAG eine Modellschule mit 16 Volksschul-, 16 Hauptschulklassen und elf Kindergartengruppen. Klassen im herkömmlichen Sinne sind passé. Stattdessen gibt es sogenannte Cluster mit zentralen "Marktplätzen" und rundum gruppierten "Bildungsräumen".

"Die Grundidee war, den klassischen Frontalunterricht auf viele unterschiedliche Lernmöglichkeiten auszuweiten", erklärt Architekt Georg Poduschka (PPAG). "Bei Bedarf lassen sich die Bildungsräume durch Faltschiebetüren vollständig öffnen." Geplant sind außerdem Freiluftklassen sowie ein Garten mit Hochbeeten, Bienenzucht und Fütterungsstationen für Kleintiere.

2014/2015 soll der 20.000-Quadratmeter-Campus für 1100 Schüler in Betrieb gehen. Die Investitionskosten für die Pilotschule belaufen sich auf 79 Millionen Euro.

"Es wäre schön, wenn man das Pilotprojekt, das als langfristiges Modell noch ein bisschen zu großzügig dimensioniert und daher zu kostenintensiv ist, quantitativ optimieren könnte, ohne allerdings auf die Qualitäten zu verzichten", sagt Karin Schwarz-Viechtbauer, Direktorin des Österreichischen Instituts für Schul- und Sportstättenbau (ÖISS). "Jetzt ist es wichtig, dass die Entscheidungsträger möglichst bald die Botschaft kriegen, dass es auch billiger geht. Die nächsten Pilotprojekte werden für die Zukunft des Schulbaus ausschlaggebend sein. " (Wojciech Czaja, STANDARD-Printausgabe, 12.9.2011)