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Schatten unter Kreuz und Halbmond: Der Pfusch ist in islamisch geprägten Ländern kleiner als in christlich geprägten.

Foto: AP/Probst

Wien - Auf Jesus kann man sich nicht berufen, wenn man für den Hausbau Schwarzarbeiter beauftragt und somit Steuern und Abgaben hinterzieht. Als die Pharisäer von ihm wissen wollten, ob es recht sei, "dass man dem Kaiser den Zins gebe, oder nicht", antwortete er laut Bibel mit einem Aufruf zu Steuerehrlichkeit. In Matthäus, Kapitel 22, heißt es: "Weiset mir die Zinsmünze! Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Überschrift? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!"

Theoretisch ist die Sache also klar. Christen dürfen keine Steuern hinterziehen. Auch die anderen Weltreligionen betonen die Bedeutung von Ehrlichkeit, Wahrheit und anderen ethischen Werten. Etwas anderes ist die Frage, in welchem Ausmaß die theologischen Vorgaben in der realen Wirtschaftswelt umgesetzt werden. Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider und sein deutscher Kollege Friedrich Heinemann (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) haben nun untersucht, welche Zusammenhänge es zwischen Religion und Schattenwirtschaft gibt.

Zunächst einmal: Wer brav regelmäßig in die Kirche geht und sich selbst als gläubig einstuft, mag vielleicht vor seinem jeweiligen Gott besser dastehen, zu mehr Steuerehrlichkeit führt das aber noch nicht, wie Schneider und Heinemann in ihrer Studie schreiben. Keinen wesentlichen Einfluss auf die Schattenwirtschaft hat auch die Zersplitterung des religiösen Marktes, wenn also viele verschiedene Religionen in einem Land um die Gläubigen buhlen.

Signifikante Unterschiede zeigen sich aber zwischen den wichtigsten Weltreligionen. Berücksichtigt wurden katholisches, orthodoxes und protestantisches Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus sowie das orthodoxe Judentum. Ein zentrales Ergebnis: Länder, die durch den Islam oder die östlichen Religionen (Buddhismus, Hinduismus) geprägt sind, weisen - bei vergleichbarer wirtschaftlicher Entwicklung - kleinere Schattenwirtschaften auf als christliche Länder.

Zahlen für einzelne Länder werden nicht ausgewiesen. Dazu ist das Datenmaterial nicht konkret genug, wie Schneider erklärt. Als zweiter wesentlicher Trend zeigt sich aber, dass die Nähe zwischen Religion und Staat von entscheidender Bedeutung ist. Je stärker also die finanziellen Verflechtungen sind und je stärker der Einfluss der Religion auf den Staat ist, desto geringer ist die Schwarzarbeit. Das gilt wieder vor allem für nichtchristliche Staaten - allerdings nur für Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Die vergleichsweise kleinere Schattenwirtschaft in islamischen Staaten ist für die Studienautoren insofern bemerkenswert, als bestimmte Formen moderner Besteuerung in der islamischen Ethik eher zurückhaltend bewertet werden.

Diese Bedenken werden aber offenbar durch den Einfluss der Religion auf die weltlichen Autoritäten überkompensiert. (Günther Oswald, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.9.2011)