Papierfetzen über dem East River, das Feuer, das 9/11-Blau des Himmels ... - Warum Erinnerung, auch wenn sie trügerisch ist, uns die Wahrheit näherbringt als vermeintliche oder tatsächliche historische Faktizität.

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Meine Tochter ist an jenem Tag vier Jahre alt geworden. Sie lag in meinen Armen, als ich mit meiner Frau die Remsen Street Richtung Brooklyn Promenade hinunterrannte. Der Rauch aus den Türmen verdichtete sich zu einer schäumenden Wolke. Von den umliegenden Makler-Büros flatterten Papiere über den East River unter dem Blau des Himmels, das seither für mich das "9/11-Blau" war,

Journalisten sind darauf konditioniert zu beobachten, in welche Richtung sich die Menschen bewegen, um dann in die Gegenrichtung zu gehen. Ich nahm die U-Bahn bei der Clark Street. Die Frau neben mir kämpfte mit den Tränen. Ihr Bruder war im Nordturm. Ich versuchte, sie zu beruhigen. Der Zug, der an diesem Tag einer der letzten sein sollte, fuhr unter dem Inferno durch, Richtung Times Square.

Es war mein erster Arbeitstag in meinem neuen Redakteursjob. Ich war noch keine zehn Minuten an meinem Schreibtisch, als um 9.59 Uhr der Südturm zusammenkrachte. Ich spürte, wie das Adrenalin einschoss, die Alchemie des Tagesjournalismus. Die zunächst unterdrückte Trauer übermannte mich ein paar Tage später umso heftiger: Eine Frau, die ihren Mann verloren hatte, heftete eine Ultraschallaufnahme eines Ungeborenen an eine Wand nahe dem Ground Zero - eines Kindes, das nun vaterlos aufwachsen würde. Das gab mir den Rest.

Die Feuer brannten, angeheizt von geschmolzenem Stahl tief unter der Erde. Sie brannten wochenlang. Manchmal, bei bestimmten Windlagen, trieb es den bitter-süßen Gestank von der Canal Street nach Brooklyn, ein Brechreiz erregender Hinweis darauf, was da verbrannt war.

Ich erinnere mich daran. Eine Lehre von 9/11 zehn Jahre danach ist, dass Erinnerung trügerisch ist. Sie ist dauernd in Bewegung und unwissenschaftlich, nahe der Imagination und von Geschichte ebenso abweichend wie die Emotion von der Form.

Wie oft habe ich seit diesem Tag die Theorien von Menschen überall auf der Welt gehört, von dem, was ihrer Ansicht nach wirklich geschah, basierend auf dem, was sie zu sehen glaubten. Keine Verschwörung war zu abwegig oder zu widerwärtig, um nicht in Erwägung gezogen zu werden. Ich war fassungslos. - Erzähle mir dein 9/11, und ich sage dir, wer du bist.

Joseph Brodsky schrieb einmal: "Wenn es etwas gibt, das Liebe ersetzen kann, dann die Erinnerung. Zu erinnern heißt, Nähe wiederherzustellen." Keine schlechte Definition dessen, was auch guter Journalismus tut: Nähe wiederherstellen. Die Porträts der Trauernden, die monatelang nach dem Anschlag in der NYT erschienen, trafen genau den Punkt, weil sie durch die konkreten Beispiele individueller Schicksale Stalins Massenmörder-Formel "Der Tod von Millionen ist nur eine Statistik" unterliefen.

Die schlimmste Folge von 9/11 war die Polarisierung Amerikas und seine Infizierung mit Hass. Es gibt aber eine Koda zu dieser Dekade: Hoffnung. Araber sind zu Millionen aufgestanden, um für ihre Würde und Freiheit zu kämpfen, die ihnen so lange verweigert wurde. Die kleptokratischen Tyrannen, unter denen sie leben mussten, waren Zündstoff für den Fanatismus hinter 9/11. Die westliche Unterstützung dieser Diktaturen lieferte ein großartiges Propagandainstrument für Terroristen. Veränderung ist mühsam. Erst recht in der arabischen Welt. Aber in dieser Transformation schimmert eine produktive Antwort auf 9/11 durch.

Auf einem der Papierfetzen, die über den East River flatterten, fand ich diese Worte an meine Tochter: "Ich verlasse diese Welt an deinem Geburtstag. Behalte in Erinnerung, was du siehst. Das ist das Resultat des Hasses. Geh den Weg der Liebe und des Verstehens. Alles ist möglich. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Es wäre vielleicht besser für seine Reputation, wenn es nicht so wäre ..." - Meine Kleine ist mittlerweile am Wendepunkt vom Kind zur Frau. Sie sagte immer, ihr Geburtstag sei berühmt, aber sie nicht. Sie sagte immer, ihr Geburtstag falle auf den Tag, an dem die Türme zusammenfielen. Jetzt sagt sie nichts. Das ist klug. Es herrscht genug Lärm. Schweigen und Erinnern gehören zusammen.

Ich habe ihr die Notiz des Verstorbenen übrigens nie gegeben - ich habe sie nur imaginiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2011)