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Der türkische Premierminister Erdogan.

Foto: REUTERS/Umit Bektas

Israels Botschafter Yitzhak Levanon war schon vor dem Mob geflüchtet, da gab der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan bei einem Termin in der Provinz seine Sichtweise zum Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo zum Besten. "Morgen mache ich mich auf den Weg nach Tunesien und Libyen. Heute haben Tausende von Menschen in Kairo gegen Israel protestiert. Dahinter steckt ein Erwachen, eine Wende von autokratischen Ordnungen zu demokratischen" , sagte Erdogan am vergangenen Samstag laut türkischen Medienberichten und fuhr fort: "In diesen Ländern wird früher oder später das Recht Fuß fassen. Doch es gibt keinen Respekt vor dem Willen dieser Völker."

Die Gleichsetzung von gewaltsamer Vertreibung der israelischen Diplomaten und demokratischer Revolution gab einen Vorgeschmack auf das, was der in der Region umjubelte türkische Premier auf seiner - richtigerweise - heute, Montag, in Ägypten beginnenden Reise so alles sagen wird. Der renommierte Politikwissenschafter Ilter Turan von der Istanbuler Bilgi-Universität ist pessimistisch:"Es sieht ganz danach aus, dass die Spannungen zwischen der Türkei und Israel noch lange Zeit andauern werden." Beide Seiten machten es einander schwer, im Streit um den Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte umzukehren, sagte Turan dem Standard.

"Türkische Wirkung" , titelte die Tageszeitung Milliyet am Sonntag stolz auf der ersten Seite. "Warum machen wir es nicht wie die Türkei und schmeißen sie hinaus" , habe der aufmunternde Slogan vor der Botschaft in Kairo gelautet, berichtete die Zeitung. Vergangene Woche stufte Ankara die diplomatischen Beziehungen mit Israel herab und wies faktisch den Botschafter und dessen nachgeordnete Vertreter aus dem Land.

Auch Handelsvertreter weg

Wirtschaftsminister Zafer Caglayan gab ungeachtet früherer Stellungnahmen bekannt, dass mittlerweile auch der türkische Handelsvertreter aus Israel abgezogen wurde. "Niemand kann uns erpressen" , verkündete Außenminister Ahmet Davutoglu am Sonntag in Ankara bei einem gemeinsamen Auftritt mit seinem brasilianischen Kollegen.

Aus einer Frage der Entschuldigung für den Tod von neun türkischen Aktivisten an Bord der Mavi Marmara sei eine Angelegenheit der staatlichen Anerkennung der Palästinenser geworden, stellt der Politologe Turan fest. In Kairo werde sich Erdogan bei der Regierung wohl für eine wenig entgegenkommende Haltung Ägyptens gegenüber Israel aussprechen. Erdogan trifft in Kairo auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und die EU-Außenpolitikbeauftragte Catherine Ashton. Reden vor der Arabischen Liga und auf dem Tahrir-Platz sind geplant. (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2011)