Auch der Verein [ro*sa]KalYpso brauchte mehrere Anläufe auf der Suche nach einem geeigneten Bauträger. Mittlerweile entsteht bereits deren drittes Frauenwohnprojekt in Wien.

Foto: Rosa Kalypso

"Jeder für sich und alle zusammen": Unter diesem Motto arbeitet der Verein "Que[e]rbau" derzeit an der Realisierung des ersten queeren Wohnhausprojektes in Wien. Der Verein hat sich um einen Bauplatz in der neuen Seestadt Aspern in Wien-Donaustadt beworben. Das Konzept wurde vom Wohnfonds akzeptiert und eine Zusammenarbeit mit einer anderen Baugruppe empfohlen, fixen Bauplatz gibt es aber noch keinen. "Nun suchen wir einen Bauträger, der den finanziellen Teil sicherstellt", so Initiator und Betriebswirt Andreas Konecny über den Projektstand.

Queere Menschen mit Interesse am gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen können sich bei dem neuen Projekt in einer Baugruppe aktiv an der Umsetzung beteiligen. Bei Baugruppen geht es um das selbstbestimmte Errichten von Wohneinheiten und Gemeinschaftsräumen. Die Mitglieder wirken an der Erstellung ihres Wohnentwurfes mit und planen gemeinsam die Räumlichkeiten für die gewünschten Aktivitäten, die in Haus und Umgebung stattfinden sollen. "Queerbau steht für gelebte Vielfalt in einem neuen Wohnquartier, wo es um das Sichtbarmachen von Menschen mit unterschiedlichen, selbst gewählten Lebens- und Liebesformen geht, die sich nicht in soziale Rollen hineindrängen lassen", sagt Konecny. "Wir sehen uns keineswegs als 'Ghetto für Schwule und Lesben', sondern die Bewohner sollen ihre Identität in einem bunten Haufen von Menschen als 'Selbstverständlichkeit' erleben können."

Flexibel wohnen

Das Baukonzept von Queerbau unterscheidet sich wesentlich von ähnlichen gemeinschaftlichen Wohnprojekten: Geplant sind flexible Wohnmodule von 35 bis 45 m², die sich - je nach Wunsch nebeneinander oder übereinander - zu 25 bis 30 geförderten Wohneinheiten von durchschnittlich 75 m² koppeln lassen. Die Grundstruktur ist ohne Mauern geplant, sodass die Mitglieder der Baugruppe die Aufteilung ihrer Wohnräume nach ihren individuellen Bedürfnissen gestalten können, von Zimmern bis zum Loft. "Queere Menschen brauchen oft andere Raumstrukturen wie die klassische Kleinfamilie. Die Module sollen individuell erweiterbar sein, die Architektur auf sich wandelnde Lebenssituationen reagieren können." Trennen sich PartnerInnen zum Beispiel, so könne man auch die bewohnten Module trennen, ohne dass eine/r der beiden gleich ausziehen muss. Es könne so aber auch leicht Platz für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige geschaffen werden.

Besonderes Augenmerk wird bei Queerbau auf die Gestaltung der Gemeinschaftsräume gelegt. "Urban wie Community Gardening auf der Dachterrasse mit Teehaus und in der übrigen Wohnumgebung sollen dabei eine große Rolle spielen", so Konecny. "'Essbare Landschaften' sollen Selbstversorgung ermöglichen, statt Ziergärten sollen Nutzgärten entstehen."

[ro*sa] KalYpso mal drei

Dass es nicht so leicht ist, einen Bauträger für gemeinschaftliche Wohnprojekte zu finden, bestätigt Ingrid Farag, Obfrau des Wiener Frauenwohnprojektes [ro*sa] KalYpso. 2009 eröffnete der Verein das erste Wohnhaus beim Kabelwerk in Wien-Meidling, es folgte ein zweites in der Donaustadt. "Die Suche nach einem Bauplatz, das 'Wohin?', ist die schwierigste Phase. Wir haben beim ersten Mal viele Bauträger abgeklappert, die Auswahl ist nicht sehr groß", so Farag. "Wir mussten aber auch Angebote ablehnen, weil sie den besonderen Kriterien unseres Projekts nicht entsprachen." Ein drittes Bauprojekt mit 48 Wohneinheiten wurde soeben für 2014 auf den Mautner-Markhof-Gründen in Simmering eingereicht. "Diesmal hatten wir Glück, weil uns der Bauträger direkt angesprochen hat, ob wir an dem Bauplatz interessiert sind."

Miete in Frauenhand

Bei [ro*sa] KalYpso sind die Mietverträge in Frauenhand. Ein Drittel der Wohnungen wird, da von der Stadt gefördert, vom Wiener Wohnservice vergeben. Viele der Bewohnerinnen sind alleinstehend und/oder geschieden und suchen "Gemeinschaft auf Wunsch". Wie bei Queerbau wird auch hier auf Vielfalt und das selbstverständliche Zusammenleben von Frauen mit unterschiedlichsten Lebens- und Liebesformen gelegt.

Wie läuft das Projekt nun, nach über zwei Jahren? "Die Bewohnerinnen sind nach wie vor begeistert, auch wenn die anfänglichen Erwartungen nicht immer der Realität entsprechen", schildert Farag. "Die Phantasie, dass immer alle gemeinsam essen, hat sich schnell verflüchtigt, wem das wichtig ist, der kann es aber jederzeit anbieten."

Yoga, Feiern und mehr

So würde eine Bewohnerin einmal pro Woche gegen Anmeldung gemeinsames Essen anbieten, andere wiederum Yoga oder Shiatsu; im Gemeinschaftsraum finden regelmäßig Feste und Treffen statt, man trifft sich nach Laune am benachbarten Pool, bastelt in der Werkstatt oder arbeitet zusammen im Garten. "Man schaut in so einem Wohnprojekt mehr aufeinander", sagt Farag. "Die Kommunikation funktioniert besser als in klassischen Mehrparteienhäusern und die Privatsphäre ist trotz Gemeinschaft gegeben."

Vorbild aus dem Mittelalter

Erfahrungswerte haben sich die Initiatorinnen von [ro*sa] KalYpso vor Projektstart bei einem Münchner Frauenwohnprojekt geholt. Anders als in Österreich haben sich gemeinschaftliche Wohnprojekte - vom queeren bis zum Mehrgenerationenhaus - in Deutschland als Alternative zur "Mutter-Vater-Kind"-Wohnung bereits viel stärker etabliert. In Berlin etwa hat eine Gruppe älterer, alleinstehender Frauen 2007 ein Frauenwohnhaus nach dem Vorbild der mittelalterlichen Beginen initiiert: Anstatt in einer Ehe oder im Kloster lebten diese, ausgehend von den Niederlanden, in Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften zusammen.

Von der Idee bis zur Umsetzung sollten jedoch 15 Jahre vergehen - auch hier war es schwierig, einen Bauträger zu finden: "Die Finanzierung des neun Millionen Euro teuren Baus wäre beinahe gescheitert", schildert Bewohnerin Gabriele Garms, die beim Spatenstich zum Projekt dazustieß. Schließlich fand sich aber doch ein holländischer Investor, dem die Idee der Beginenhöfe gefiel. Mittlerweile entsteht in Berlin bereits das zweite Beginen-Wohnhaus.

Im Alter nicht allein sein

Die meisten Bewohnerinnen im Beginenhof in Berlin-Kreuzberg sind in der dritten Lebensphase, die meisten um die 60 Jahre. Die 53 Wohnungen sind auf Eigentumsbasis und werden extern verwaltet. Sie sind von 56 bis 100 Quadratmeter groß und dürfen auch vermietet werden. Viele Frauen haben ihr Haus oder eine andere Wohnung verkauft und sich mit dem Geld hier einen neuen Wohnort geschaffen. Es gibt Arbeitsgruppen, etwa für Garten, Öffentlichkeitsarbeit oder kulturelle Aktivitäten, einmal im Monat gibt es einen "Jour Fixe" für die Bewohnerinnen. "Jeder kennt hier jeden", sagt Garms. "Man gießt einander die Blumen, kauft ein, wenn jemand krank ist."

Gemeinsam, aber wie?

Fast alle Frauen seien hier eingezogen, weil sie im Alter nicht alleine sein möchten, ähnlich wie bei [ro*sa] KalYpso seien "die Vorstellungen von Gemeinschaft aber sehr verschieden". Das berge auch Konfliktpotenzial: "Manche Frauen wollen zum Beispiel keine gemeinschaftlichen Aufgaben übernehmen, da das keine ausdrückliche Bedingung für den Einzug war. Ihnen genügt die gute Nachbarschaft."

Wer an einen Einzug in ein gemeinschaftlich organisiertes Wohnprojekt denkt, sollte sich vorher klarmachen, wie weit er oder sie sich einbringen möchte, sagt Garms, da die Erwartungen vom Leben in Gemeinschaft meist an der Realität vorbeigehen. Das habe sie auch selbst nach ihrem Einzug gemerkt. Ideal seien Wohnhäuser mit mehr als 50 Einheiten, da sich die Konflikte dann verteilen und es wahrscheinlicher ist, dass sich einige Menschen zusammenfinden, die ähnliche Interessen haben. "Man muss konfliktfähig sein und flexibel auf neue Verhältnisse und Entwicklungen reagieren können. Wer klare, gleichbleibende Strukturen und Regeln braucht, für den ist das nichts." (Isabella Lechner, dieStandard.at, 12.9.2011)